«Weiss gewinnt»: Cornelia Roffler findet das Besondere im gewöhnlichen Leben
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Mit «Weiss gewinnt» legt Cornelia Roffler ihr drittes Buch vor. Im Mittelpunkt stehen dreizehn Freundinnen und jene kleinen Momente, in denen sich das Leben oft deutlicher zeigt als in den grossen Ereignissen. Die in Trimmis aufgewachsene Autorin schreibt über Freundschaft, Humor und die Kunst, dem Alltag mit Gelassenheit zu begegnen.
Der Titel ihres neuen Buches geht auf einen Moment zurück, der alles andere als leicht war. Cornelia Roffler musste ihren drei Söhnen eine schlechte Nachricht überbringen. Statt sofort viele Worte zu machen, legte sie ihnen ein weisses Blatt hin, darauf einen einzigen kleinen schwarzen Punkt. Ihr jüngster Sohn schaute zunächst zu seinen Brüdern, dann zu seiner Mutter und sagte ruhig: «Weiss gewinnt.»
Zwei Worte, die für Roffler zu einem Leitgedanken geworden sind. «Daran will ich glauben», sagt die Autorin. Und vielleicht lässt sich darin bereits vieles von dem erkennen, was ihr drittes Buch ausmacht: Das Dunkle ist da, es wird nicht ausgeblendet. Aber es muss nicht das ganze Bild bestimmen.
Nach «Frauen in unverwechselbaren Jahren» aus dem Jahr 2021 und «Eigentlich gut» von 2024 erscheint nun «Weiss gewinnt». Wieder richtet Roffler ihren Blick auf Frauen und ihren Alltag. Sie bewegen sich zwischen Sommerferien und Schlaflosigkeit, Coolness und Hingabe, Leintüchern und Langeweile. Es sind keine klassischen Heldinnengeschichten. Roffler interessiert sich vielmehr dafür, was geschieht, wenn scheinbar wenig geschieht.
Beobachten, notieren, weitererzählen
Stoff für ihre Geschichten findet die Autorin überall. Im Tram, im Restaurant oder an anderen ganz gewöhnlichen Orten beobachtet sie Situationen, Gesten und Begegnungen. Manches landet zunächst in einem kleinen Notizbuch, anderes hält sie als Sprachnachricht fest. Daraus kann Literatur werden. «Damit später eine Geschichte entstehen kann, die sich im Buch hoffentlich wohlfühlen könnte», sagt Roffler.
Wie viel von ihren realen Freundinnen in den dreizehn Frauen des Buches steckt, beantwortet sie mit einem Augenzwinkern. «Die Begegnungen sind sehr real, weil sie so authentisch sind.» Gleichzeitig hält sie an ihrer bewährten Erklärung fest: «Ich sage immer, die Geschichten seien frei erfunden und allfällige Ähnlichkeiten zufällig und meistens unbeabsichtigt.»
Diese Schwebe zwischen Beobachtung und Erfindung passt zu einer Autorin, die ihre Geschichten mitten aus dem Leben nimmt. Roffler, Jahrgang 1971, lebt heute in Küsnacht am Zürichsee. Ihre Wurzeln liegen im Prättigau, das für sie die Heimat des schönsten Dialekts bleibt. Sie ist Mutter von drei Söhnen und arbeitet bei einer Bank. Inspiration findet sie nicht in einer abgeschlossenen literarischen Welt, sondern gerade dort, wo Alltag stattfindet und im Austausch mit ihren Freundinnen.
Das Leben findet im Kleinen statt
Roffler schreibt über Frauen «im besten Alter». Doch was dieses beste Alter eigentlich sein soll, lässt sie bewusst offen. «Meine Freundinnen sagen oft, jedes Alter sei das beste. Und ich glaube, sie haben recht. Einmal mehr haben sie recht.»
Es ist eine Haltung, die sich durch ihre Geschichten zieht. Statt einer bestimmten Lebensphase eine besondere Bedeutung zuzuschreiben, richtet Roffler ihre Aufmerksamkeit darauf, wie Menschen mit dem umgehen, was gerade ist.
Warum die kleinen Dinge dabei oft mehr über einen Menschen erzählen als aussergewöhnliche Ereignisse, erklärt Roffler mit einem sehr konkreten Bild: «Wir alle sehnen uns nach dem Grossen, nach eindrücklichen Erlebnissen, aber leben tun wir schlussendlich im Kleinen.» Nach dem aussergewöhnlichen Wochenende komme schliesslich wieder der Montag. «Am Montag sind wir wieder jene, die den Kübel raustragen und dem Billettkontrolleur auf dem Weg zur Arbeit das Halbtax vorweisen müssen.»
Genau dort wird es für die Autorin interessant. Nicht das Halbtax oder der Abfallkübel an sich sind entscheidend, sondern die Art, wie Menschen solchen Situationen begegnen. «Und genau darin zeigt sich viel von uns und was wir aus diesen alltäglichen Momenten machen. Oder eben nicht machen.»
Freundschaft als verlässlicher Resonanzraum
Eine besondere Rolle spielt in «Weiss gewinnt» die Freundschaft. Rofflers Freundinnen sind nicht bloss Figuren, mit denen Erlebnisse geteilt werden. Sie schaffen einen Raum, in dem auch Schwieriges leichter werden kann.
Dafür verweist die Autorin auf eine Stelle aus einem ihrer Bücher: «Claudia sagte immer, wenn man das Gefühl hätte, morgen ginge die Welt unter, dann sollte man unbedingt noch vorher JJ anrufen. Nicht, weil JJ für jedes Problem eine Lösung wusste, sondern weil sie einem mit ihrem Humor Leichtigkeit vermittelte.»
Es ist ein Satz, der Rofflers Verständnis von Freundschaft auf den Punkt bringt. Freundinnen müssen nicht auf alles eine Antwort haben. Entscheidend ist mitunter etwas anderes: da zu sein, einzuordnen, gemeinsam zu lachen und einem Problem für einen Moment die Schwere zu nehmen. Langjährige Freundschaft steht für Roffler deshalb «für Vertrauen, für Leichtigkeit und dafür, dass man einander trägt, ungeachtet dessen, wie schwer man gerade ist».
Dass Humor dabei eine wichtige Rolle spielt, überrascht nicht. Er ist in ihren Geschichten literarisches Mittel und persönliche Haltung zugleich. Am Ende eines Manuskripts lässt Roffler sogar den Computer zählen, wie häufig «lachen» oder entsprechende Synonyme vorkommen. Das Ergebnis sei jeweils «ebenfalls eine Zahl im besten Alter», sagt sie. Entscheidend ist für sie aber die Wirkung: «Humor hilft immer; er schafft Distanz, Leichtigkeit und verbindet (meistens).»
Das «meistens» in Klammern ist typisch für den leisen Ton, den Roffler pflegt. Die Pointe wird nicht ausgestellt. Sie entsteht beiläufig – ähnlich wie die Geschichten selbst.
Zwischen Bank und Literatur
Auf den ersten Blick liegen Rofflers berufliche und literarische Welten weit auseinander. Seit vielen Jahren arbeitet sie bei einer Bank, dort in der Kommunikation. Einen Widerspruch zum Schreiben sieht sie darin nicht. Der gemeinsame Nenner sind die Menschen.
«Menschen sind überall – und Menschen sind der Kern jeder Geschichte», sagt Roffler. Zwar gelten in der Unternehmenskommunikation andere Bedingungen als in der Literatur. Dort gebe es «weniger Platz für die kleinen Verschiebungen, die Zwischentöne und das Ungeplante». Doch am Ende werde an beiden Orten von Menschen gelesen. «Und ich denke, die erreichen wir am besten mit Geschichten.»
Mit ihrem dritten Buch hat sich auch Rofflers eigenes Schreiben weiterentwickelt. Ihre Verlegerin würde wohl sagen, sie sei mutiger und direkter geworden, erzählt die Autorin. «Was mich beides sehr freut.» Gleichzeitig gibt es Dinge, die sich nicht verändert haben. Eine gute Buchidee, eine Wanderung im Bündnerland und eine Kaffeepause gehören für sie noch immer auf ideale Weise zusammen. Eine solche Idee während einer Wanderpause, sagt Roffler, garantiere ihr «immer noch einen perfekten Tag».
So bleibt auch die Verbindung zu Graubünden bestehen. Das Bündnerland ist für sie weiterhin ein Ort, an dem Gedanken zu Geschichten werden können.
Wenn Weiss gewinnt
«Weiss gewinnt» erzählt damit nicht von einem Leben ohne schwarze Punkte. Im Gegenteil: Bereits die Entstehungsgeschichte des Titels macht deutlich, dass Schwieriges und Unvorhergesehenes dazugehören. Entscheidend ist die Perspektive darauf.
Rofflers Figuren suchen das Besondere nicht zwingend im Aussergewöhnlichen. Sie finden es zwischen Freundinnen, in Gesprächen und Beobachtungen, im Lachen und in den kleinen Zumutungen des Alltags. Lebenskunst bedeutet in diesen Geschichten nicht, alles im Griff zu haben. Vielleicht besteht sie eher darin, das Ungeplante auszuhalten und trotzdem die hellen Flächen wahrzunehmen.
Was soll also bleiben, wenn eine Leserin – oder ein Leser – nach 128 Seiten das Buch zuklappt? Roffler wünscht sich keinen gewichtigen Schlusssatz und keine Lebensanweisung. Das Gefühl soll vielmehr zu ihren Geschichten passen: «Ein leichtes, ein schmunzelndes – und das Vertrauen, dass alles vorbeigeht.»
Und damit führt auch dieser Wunsch wieder zurück zum weissen Blatt mit seinem kleinen schwarzen Punkt. Der Punkt verschwindet nicht. Aber rundherum bleibt viel Weiss.
Zum Buch: Cornelia Rofflers «Weiss gewinnt» umfasst 128 Seiten und erscheint am 10. September 2026 gebunden im Format 12 × 19 Zentimeter. Das Buch kostet 25 Franken beziehungsweise 25 Euro in Deutschland und Österreich. ISBN 978-3-907248-19-5.



