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«Im Zweifelsfall Maul halten»

vor 2 Minuten
3 Min. Lesezeit

Joachim B. Schmidt lässt seinen eigenwilligen Sheriff Kalmann ein drittes Mal ermitteln. «Kalmann schweigt» erzählt von Anderssein, bedrohten Landschaften und einer Gesellschaft, die manchmal besser innehalten würde. Für Schmidt soll es der Abschluss einer Trilogie sein.

Kalmann bleibt stehen, wenn ihm alles zu viel wird. Genau das gefällt Joachim B. Schmidt an seiner bekanntesten Romanfigur. «Kalmann hat eine so herrlich entlarvende Art und Weise, die mich tröstet. Er kann die Dinge wunderbar auf den Punkt bringen.»


Darin sieht Schmidt sogar etwas Vorbildliches. «Wir müssten uns Kalmann zum Vorbild nehmen, wir, die Gesellschaft, die manchmal auf die Bremsen treten müsste, anstatt den Karren an die Wand zu fahren.»

In «Kalmann schweigt» richtet sich der Blick unter anderem auf die umstrittene Zuchtlachsindustrie Islands. Schmidt kritisiert, dass Projekte ohne genügend Rücksicht auf Natur und Bevölkerung bewilligt würden. «Die schönsten Fjorde sind innerhalb weniger Jahre mit Dutzenden von Netzgehegen verschandelt worden.» Die Folgen seien noch kaum absehbar. «Und darum musste ich Kalmann noch einmal als Sheriff engagieren.»


Der Titel des dritten Romans führt direkt zu einer der Stärken seiner Hauptfigur. Kalmann braucht nicht viele Worte. «Schweigen empfinde ich als äusserst emotional», sagt Schmidt. Menschen schwiegen aus Trauer, Ratlosigkeit, Zufriedenheit oder um ein Geheimnis zu bewahren. Kalmann selbst formuliert es einfacher: «Im Zweifelsfall Maul halten.»


Dabei ist die Wortkargheit nur eine Seite der Figur. «Kalmann hat zwei Sprachen», erklärt Schmidt. «Er denkt recht eloquent, er ist emotional ausgeprägt, und er folgert logisch.» Spricht er mit anderen, bleiben davon oft nur kurze, mürrische Halbsätze übrig.


Das macht ihn anfällig dafür, unterschätzt zu werden. Schmidt interessiert gerade diese Diskrepanz. «Mich interessieren die verschiedenen Ebenen von Intelligenz, die wir oft vergessen oder vernachlässigen.» Kalmann sei kein guter Schüler gewesen. Bei Empathie, emotionaler Intelligenz und seinem Sinn für Gerechtigkeit sei er dagegen «voll auf der Höhe».


Das führt zu einem Thema, das alle drei Bücher verbindet. «Der rote Faden, der sich durch alle Kalmann-Bücher zieht, ist das Anderssein.» Schmidt erzählt von Menschen mit Behinderung «in einer gewinnorientierten Gesellschaft, die kaum Geduld hat für Leute wie Kalmann, die anders ticken».


Auch Kalmanns Heimat passt dazu. Das abgelegene Fischerdorf Raufarhöfn befindet sich laut Schmidt «in einem wirtschaftlichen Halbkoma». Die Bevölkerung wird älter, Perspektiven fehlen. Gleichzeitig wird die Natur wirtschaftlichen Interessen untergeordnet.


Island ist für Schmidt deshalb weit mehr als eine spektakuläre Kulisse. Seit 20 Jahren lebt der Schweizer Autor auf der Insel. Die Landschaft fasziniert ihn weiterhin. «Ich werde nicht müde, die Natur zu beschreiben oder es zumindest zu versuchen. Und irgendwann wird es mir gelingen, ihr gerecht zu werden.»


Auch die Menschen beschäftigen ihn. Seine Recherchen bezeichnet Schmidt als «eine Form der Integration». Er wolle das Inselvolk verstehen lernen.


Trotz der ernsten Themen bleibt Kalmanns Welt voller trockenem Humor. Schmidt verlässt sich dabei auf sein Gespür. «Ich vertraue meinem Schreibfluss.» Schrecken und Komik könnten unmittelbar nebeneinanderstehen, etwa «wenn ein toter CEO in einem leeren Hotpot gefunden wird». Und wenn Kalmann auf dem Sofa alte Talkshows schaut, stecken für Schmidt «Zufriedenheit und Einsamkeit zugleich» in der Szene.


Nach drei Büchern ist die Verbindung zwischen Autor und Figur eng geworden. «Meine Beziehung zu Kalmann ist inzwischen sehr eng, brüderlich fast.» Trotzdem soll nun Schluss sein. «Ich bin überzeugt, dass er nun ganz gut ohne mich zurechtkommt, und ich ohne ihn auch.»


Schmidt hat dafür noch einen anderen Grund: «Ich habe Kalmann versprochen, ihn jetzt in Ruhe zu lassen. Denn jedes Mal, wenn ich über ihn schreibe, gerät er in Lebensgefahr!»


Ganz endgültig muss dieser Abschied allerdings nicht sein. Die Vorstellung, Kalmann eines Tages wiederzusehen, vielleicht zu dessen 50. Geburtstag, findet Schmidt «gar nicht so abwegig».


Bis dahin würde ihm wohl eine gemeinsame Fahrt nach Húsavík genügen. Kalmann kennt dort angeblich den besten Tankstellen-Hamburger. Viel reden müssten die beiden dabei nicht.


«Ob wir dann reden oder einfach nur schweigen würden», sagt Schmidt, «es wäre mir ganz gleich.»

 
 
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