Schreiben zwischen Landschaft, Erinnerung und Geschichte

Für Linard Candreia beginnt Literatur nicht mit einem ausgefeilten Plan. Sie wächst aus Themen, persönlichen Erfahrungen und der intensiven Beschäftigung mit Landschaften und Geschichte. Der Bündner Autor erzählt, weshalb ihn das Spiel mit den Wörtern immer wieder zum Schreiben bringt, warum er seine Schauplätze selbst erkundet und weshalb künstliche Intelligenz für ihn beim kreativen Prozess klare Grenzen hat.
Was macht das Schreiben aus? Für Linard Candreia liegt die Faszination zunächst in etwas scheinbar Einfachem, in der Sprache selbst. Es sei «das Spiel mit den Wörtern und die nicht selten überraschenden Resultate», das für ihn die Magie des Schreibens ausmache.
Dabei beginnt ein neues Werk bei Candreia nicht zwingend mit einer einzelnen Figur oder einem bereits ausgearbeiteten Handlungsgerüst. Vielmehr beschäftigt ihn ein Thema oft über längere Zeit. «Das Thema ist bei mir meist lange Zeit präsent. Dann beginne ich einfach einmal mit dem Schreiben, ohne grosses Konzept.» Die Geschichte entwickelt sich also während des Schreibens und muss nicht von Anfang an bis ins Detail feststehen.
Persönliche Erfahrungen fliessen immer mit ein
Auch wenn Candreias Bücher nicht autobiografisch angelegt sind, bleibt die eigene Biografie für ihn eine wichtige Grundlage. «Es steckt immer etwas Autobiografisches in einem Buch. Das Schreiben basiert schliesslich auch auf persönlichen Erfahrungen.»
Diese Verbindung von persönlicher Erfahrung, Recherche und Geschichte zeigt sich besonders in «Der alte Russ». Das 2019 erschienene Buch erzählt von Peter Petrowitsch Balzer, der als 17 Jähriger nach Odessa auswanderte und später als Zuckerbäcker in Russland lebte. Candreia zeichnet dessen Lebensweg anhand historischer Quellen nach und bettet ihn in seine Zeit ein.
Das Werk folgt dabei keiner durchgehenden Romanhandlung im klassischen Sinn. Candreia arbeitet vielmehr mit einzelnen, in sich geschlossenen Erzählungen. Dass sich eine Geschichte beim Schreiben plötzlich völlig anders entwickelt als ursprünglich vorgesehen, kennt er deshalb kaum. «Meine Bücher bestehen meistens aus einer Aneinanderreihung von in sich abgeschlossenen Erzählungen.»
Besonders nahe geht ihm in «Der alte Russ» ein Moment, der wohl zu den einschneidendsten Erfahrungen einer Auswanderung gehört, der Abschied von der Heimat. «Der Abschied von daheim, um nach Russland auszuwandern, berührt mich immer wieder von Neuem.»
Die Landschaft wird zum Teil der Geschichte
Eine zentrale Rolle in Candreias Schreiben spielen Orte und Landschaften. Sie sind für ihn weit mehr als eine beliebige Kulisse, vor der eine Handlung stattfindet. Er will die Schauplätze kennen und selbst erfahren. «Die Landschaften spielen in meinen Werken eine grosse Rolle. Ich erkunde sie und mache dabei sozusagen Feldstudien.»
Diese Arbeitsweise passt zu Candreias historischen Stoffen. Für «Der alte Russ» verband er historische Dokumente und Quellen mit Recherchen vor Ort. Entstanden ist ein Werk aus zahlreichen Episoden, Anekdoten und Seitenblicken auf das Leben eines Bündner Emigranten im Russland des 19. Jahrhunderts.
Das Unterwegssein verbindet Candreia auch mit einem Schriftsteller, den er gerne zu einem längeren Gespräch treffen würde, Franz Hohler. «Uns verbindet einiges, unter anderem das Wandern in unberührten Landschaften», sagt Candreia. Es wäre wohl ein Gespräch, in dem Literatur und Landschaft gleichermassen ihren Platz hätten.
Schreiben soll ein menschlicher, kreativer Akt bleiben
Auch vor neuen technischen Entwicklungen verschliesst sich Candreia nicht. Künstliche Intelligenz nutzt er durchaus, allerdings sehr gezielt. «KI brauche ich nur für die eine oder andere Recherche. Sicher nicht für mehr, denn ich möchte nicht, dass KI mir den kreativen Akt des Schreibens wegnimmt.»
Damit zieht er für sein eigenes literarisches Arbeiten eine klare Grenze. Technologie kann bei der Informationsbeschaffung helfen, die eigentliche sprachliche und kreative Arbeit soll jedoch beim Menschen bleiben. Gerade jenes Spiel mit den Wörtern, das ihn am Schreiben fasziniert, möchte Candreia nicht an eine Maschine delegieren.
Und was soll am Ende bei den Leserinnen und Lesern bleiben? Candreias Wunsch ist ebenso schlicht wie sympathisch. Er hoffe zunächst, «dass sie sich nicht gelangweilt haben». Und vielleicht, fügt er hinzu, würden sie nach der letzten Seite sagen: «Das war erbauend.»
Es ist ein zurückhaltender Anspruch, hinter dem sich viel von Candreias Verständnis des Schreibens verbirgt. Geschichten sollen nicht nur historische Begebenheiten festhalten. Sie sollen Erfahrungen, Landschaften und menschliche Schicksale durch Sprache lebendig werden lassen und beim Lesen etwas hinterlassen.



