top of page

Zwischen Bergwelt und Mordgeschichte

vor 2 Minuten
4 Min. Lesezeit

Das Engadin ist für Gabriela Kasperski seit ihrer Kindheit ein Sehnsuchtsort. Nun hat die Schweizer Autorin die Region zum Schauplatz ihres neuen Krimis «Engadiner Meistermord» gemacht. Wie eine gruselige Erzählung Eingang in den Roman fand, weshalb sie sich von der wachsenden Konkurrenz nicht beirren lässt und was ihre Figuren mit ihrer Vergangenheit als Schauspielerin zu tun haben, erzählt sie im Gespräch.

Ein literarischer Besuch im Engadin, eine geheimnisvolle Erzählung und eine Protagonistin, die als Unterländerin eine besondere Perspektive auf die Bündner Bergwelt mitbringt: Das sind einige der Zutaten von Gabriela Kasperskis neuem Kriminalroman «Engadiner Meistermord».

Dass ihre Geschichte ausgerechnet im Engadin spielt, ist kein Zufall. Die Autorin kennt die Region von zahlreichen Aufenthalten, die bis in ihre frühe Kindheit zurückreichen. «Das Engadin ist ein Sehnsuchtsort», sagt sie. Die Landschaft und die Menschen hätten sie immer wieder inspiriert. Dennoch dauerte es, bis aus dieser Verbundenheit ein Roman wurde. Kasperski wollte warten, bis sie eine Geschichte gefunden hatte, die tatsächlich in diese Umgebung passte.

Mit Libby Andersch, ihrer Protagonistin, gelang ihr schliesslich der passende Zugang. Die Figur reist als Unterländerin ins Engadin und ermöglicht es der Autorin, die Region aus dem Blickwinkel einer Besucherin zu erzählen.

Wenn Begegnungen zu Geschichten werden

Wer über Graubünden schreibt, findet nicht nur eindrückliche Landschaften, sondern auch Menschen, deren Geschichten weit über die Region hinausreichen. Genau das hat Gabriela Kasperski bei der Arbeit an ihrem neuen Buch erlebt.

Zwei Schauplätze spielen dabei eine besondere Rolle: der Lej da Staz und das Hotel Maistra 160. Über Bettina Plattner, die Besitzerin des Hotels, lernte Kasperski Nuot Saratz kennen. Er erzählte ihr eine Geschichte, die sie als «wunderbar gruselig» in Erinnerung behalten hat.

Aus dieser Begegnung entwickelte sich ein wesentliches Element des Romans. Die Erzählung wurde zum Ausgangspunkt für den titelgebenden Meistermord – eine Geschichte innerhalb der Geschichte.

Dass lokale Begegnungen auf diese Weise Eingang in einen Kriminalroman finden, zeigt, wie eng bei Kasperski Recherche, Inspiration und schriftstellerische Arbeit miteinander verbunden sind.

Gute Geschichten brauchen keine einsamen Schauplätze

Mit dem Engadin hat sich Kasperski eine literarische Kulisse ausgesucht, die längst auch andere Autorinnen und Autoren für sich entdeckt haben. Gerade Kriminalgeschichten aus den Bündner Bergen erfreuen sich grosser Aufmerksamkeit. Doch die Konkurrenz beschäftigt die erfahrene Schriftstellerin wenig.

«Wenn Geschichten gut erzählt sind, mit stimmigen Figuren und jenem gewissen Etwas, kann es nicht genug geben», sagt sie. Letztlich entscheide das Publikum, welche Bücher ihren Platz auf dem Markt finden.

Kasperski selbst hat die Entwicklung der Kriminalliteratur über viele Jahre miterlebt. Als sie zu Beginn der Nullerjahre ihren ersten Krimi schrieb, war das Angebot noch überschaubar. Aus dem damaligen «Bächlein» ist inzwischen ein breiter Strom geworden.

Ihr persönlicher Weg war allerdings keineswegs geradlinig. Die Anfänge beschreibt sie als holprig. Sie habe sich durchkämpfen müssen, ihr Handwerk gelernt und vor allem nie aufgegeben.

Heute orientiert sie sich beim Schreiben an einer einfachen Überzeugung: Sie möchte Bücher verfassen, die sie selbst gerne lesen würde. Und sie möchte Geschichten erzählen, die ihr Publikum erreichen.

Im Mittelpunkt steht der Mensch

Wer Gabriela Kasperski nach den wichtigsten Zutaten eines gelungenen Krimis fragt, erhält keine Aufzählung raffinierter Mordmethoden oder spektakulärer Verfolgungsjagden. Für sie beginnt eine gute Geschichte bei den Menschen.

Figuren sollen die Lesenden auf eine Reise mitnehmen. Sie sollen Konflikte erleben, Krisen durchstehen und mit Katastrophen konfrontiert werden. Eine klare Frage muss die Handlung vorantreiben, und am Ende soll eine Auflösung stehen, die nicht enttäuscht.

Dabei darf es durchaus auch in schmerzhaften Momenten eine gewisse Leichtigkeit geben. «Eine Prise Leichtsinn, auch im Schmerz», wünscht sich Kasperski von einem guten Krimi.

Ihre Begeisterung für literarische Charaktere kommt nicht von ungefähr. Bevor und während sie sich als Autorin etablierte, sammelte sie Erfahrungen in verschiedenen Bereichen der darstellenden Kunst. Sie war als Schauspielerin tätig und schrieb für das Fernsehen.

Diese unterschiedlichen Ausdrucksformen haben ihren Blick auf Menschen geschärft. Sie beobachtet, entwickelt und interpretiert Figuren. Was auf der Bühne oder vor der Kamera funktioniert, kann auch beim literarischen Erzählen hilfreich sein.

Gleichzeitig schätzt sie den direkten Austausch mit ihrem Publikum. So gerne sie schreibt, so gerne präsentiert sie ihre Arbeit und kommt mit Menschen ins Gespräch.

Eine Botschaft an alle, die schreiben

Für eine Plattform wie «Graubünden schreibt», die sich mit Literatur und Schreibenden beschäftigt, ist auch Kasperskis Blick auf das eigene Handwerk interessant.

Denn hinter einem veröffentlichten Roman stehen nicht nur gute Ideen, sondern auch viele Stunden Arbeit. Ihre Empfehlung an Menschen, die selbst Geschichten verfassen möchten, ist entsprechend pragmatisch: aufmerksam durch den Alltag gehen, neugierig bleiben und Einfälle festhalten.

Vor allem aber müsse man schreiben. Möglichst jeden Tag.

Ebenso wichtig sei es, sich mit dem schriftstellerischen Handwerk auseinanderzusetzen. Gerade dann, wenn eine Geschichte ins Stocken gerät oder Zweifel aufkommen, könne dieses Wissen helfen.

Den vielleicht wichtigsten Ratschlag liefert Kasperski in einem einzigen Wort: «Durehebe!»

Mit ihrem neuen Roman kehrt sie nun literarisch an einen Ort zurück, der sie seit Jahrzehnten begleitet. Das Engadin ist dabei nicht bloss eine austauschbare Kulisse für ein Verbrechen, sondern eine Region, deren Landschaften, Menschen und Geschichten die Entstehung des Buches mitgeprägt haben.

Und vielleicht liegt genau darin ein besonderer Reiz des Schreibens über Graubünden: Manchmal braucht es den Blick von aussen, um aus einem vertrauten Ort eine neue Geschichte entstehen zu lassen.

 
 
bottom of page