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«Beim Schreiben meldet sich eine innere Stimme»

9. Sept.
5 Min. Lesezeit

Für den Bündner Autor Vincenzo Todisco ist Schreiben weit mehr als das Erfinden von Geschichten. Es ist eine besondere Art, die Wirklichkeit wahrzunehmen. In seinem Roman Der Geschichtenabnehmer beschäftigt er sich mit dem Erzählen und Zuhören, mit Erinnerungen, dem Sterben und dem, was von einem Menschen bleibt. Im Gespräch erzählt Todisco von der Magie des Schreibens, persönlichen Erfahrungen und davon, weshalb künstliche Intelligenz für ihn die menschliche Kreativität nicht ersetzen kann.

Wer schreibt, betritt für Vincenzo Todisco einen eigenen Raum. Einen Ort, an dem die Aussenwelt für eine Weile zurücktritt. «Wenn man schreibt, begibt man sich in eine Blase, die einen von der Aussenwelt abschirmt, man tritt in eine andere Dimension», sagt der Bündner Autor. Mit einer Flucht aus dem Alltag habe dies jedoch nichts zu tun. Schreiben sei vielmehr «eine bestimmte Art, die Realität zu sehen, eine besondere Weise, in der Welt zu sein».

Und es ist etwas, das sich nicht einfach abstellen lässt. «Beim Schreiben meldet sich eine innere Stimme, die nicht nachlässt, und man muss einfach schreiben, immer wieder.»

Woher diese innere Stimme ihre Geschichten nimmt, kann auch Todisco nicht genau erklären. Der Anfang eines neuen Buches folgt keinem festen Muster. «Wie die Idee zu einer Geschichte, zu einem Buch, entsteht, ist ein Mysterium.» Eine Begegnung könne der Ausgangspunkt sein, ein Erlebnis, ein Geruch oder ein Bild. «Einfach alles, was das Leben und die Welt zu bieten haben.»

Todisco beschreibt diesen Vorgang nicht als gezielte Suche nach einem geeigneten Stoff. Vielmehr scheint es umgekehrt zu sein. «Bei mir ist es in den allermeisten Fällen so, dass die Geschichte mich aufsucht und nicht umgekehrt.» Seine Aufgabe als Schriftsteller bestehe deshalb zunächst darin, empfänglich zu bleiben: «Ich muss die Augen, die Ohren, das Herz und den Bauch offen halten, und die neue Geschichte wird bestimmt kommen.»

Alles und nichts vom eigenen Leben

So offen die Herkunft einer Geschichte sein kann, so persönlich ist für Todisco der Prozess des Schreibens. «Schreiben ist etwas sehr Persönliches, sogar Intimes.» Trotzdem sei Literatur nie einfach ein Abbild des eigenen Lebens. Selbst eine autobiografische Geschichte bleibe «immer auch eine künstlerische Konstruktion».

Wie viel von ihm selbst letztlich in seinen Figuren steckt, beantwortet Todisco deshalb mit einem scheinbaren Widerspruch: «Alles und nichts, in einem gewissen Sinn.»

Nichts, weil ein Schriftsteller konstruiere, abstrahiere und neue Dimensionen schaffe. Alles, «weil man nur aus dem Leben, der Realität und den eigenen Erfahrungen schöpfen kann».

Besonders deutlich wird diese Verbindung zwischen Erlebtem und Erfundenem in Todiscos Roman Der Geschichtenabnehmer. Im Mittelpunkt steht Walter, ein Bub aus dem fiktiven Dorf Gruma im italienischen Apennin. In diesem archaischen Dorf gibt es eine besondere Tradition. Bevor ein Mensch stirbt, darf er eine Nacht lang erzählen und letzte Dinge loswerden. Walter wird zum Geschichtenabnehmer bestimmt. Wenn jemand im Sterben liegt, setzt er sich ans Bett und hört zu.

Für Todisco ist Walter auch deshalb eine besondere Figur, weil sich in ihm etwas spiegelt, das der Autor aus seinem eigenen Leben kennt. «Ich habe eine sehr alte Mutter. Ich sitze oft bei ihr, und sie erzählt mir aus ihrem Leben.» Dabei beobachte er einen eindrücklichen Prozess: «Ich erlebe, wie sie immer mehr schrumpft und dabei immer mehr zu ihrer eigenen Geschichte wird.»

Genau darin liegt für ihn eine Verbindung zu seiner Romanfigur. «Walter, der Geschichtenabnehmer, ist mir natürlich besonders nahe, weil er das erlebt, was ich beim Zuhören erlebe.»

Manchmal scheint die Literatur dabei sogar der Wirklichkeit vorauszugehen. In dem Pflegeheim, in dem seine Mutter lebt, beobachtete Todisco alte Menschen beim Tanzen. Eine Szene, die ihm bekannt vorkam. «Genau eine solche Szene gibt es in meinem Buch. Literatur hat eben etwas Antizipatorisches.»

Ein Dorf wird selbst zur Figur

Eine zentrale Rolle spielt in Der Geschichtenabnehmer auch der Schauplatz. Gruma ist mehr als eine Kulisse. «Gruma verkörpert eine archaische Welt, die die Kindheit des Protagonisten prägt», sagt Todisco. Das Dorf mit seinen Menschen, Originalen, Geschichten und Dramen entwickle ein solches Eigenleben, dass es «selbst zum Protagonisten» werde.

Deshalb liesse sich die Geschichte auch nicht beliebig an einen anderen Ort verpflanzen. Für Todisco ist Gruma «unentbehrlich».

Das Erzählen ist in diesem Dorf allgegenwärtig. Gleichzeitig gibt es Geschichten, die nicht weitererzählt werden dürfen. Walter hört am Sterbebett Dinge, die für ihn bestimmt sind und die er für sich behalten muss. Todisco fasst den Ausgangspunkt seines Romans in drei Sätzen zusammen: «In Gruma, einem archaischen Dorf im Apennin, geht kein Mensch von dieser Welt, bevor er nicht eine Nacht lang erzählen und letzte Dinge loswerden kann. Der kleine Walter wird zum neuen Geschichtenabnehmer bestimmt. Wenn es so weit ist, eilt er ans Sterbebett, wo schon ein Stuhl für ihn bereitsteht.»

Was Walter dort hört, verrät Todisco nicht. «Um das herauszufinden, darf man das Buch lesen.»

Wenn die Geschichte den Autor überrascht

Dass eine Geschichte nicht vollständig planbar ist, zeigte sich Todisco auch beim Schreiben dieses Romans. Lange wusste er nicht, wie Der Geschichtenabnehmer enden sollte. Schliesslich entschied er sich für eine Variante.

Doch die Geschichte war offenbar noch nicht fertig mit ihrem Autor. «Beim Schreiben des letzten Kapitels kam eine Eingebung, die alles veränderte und dem Buch eine andere Bedeutung verlieh als ursprünglich gedacht.»

Für Todisco sind es genau solche unerwarteten Wendungen, die das Schreiben besonders machen. «Das sind regelrechte Glücksmomente.»

Was nach der Lektüre bei den Leserinnen und Lesern zurückbleiben soll, möchte er dagegen nicht vorgeben. Literatur soll etwas in Bewegung bringen. «Ich hoffe, dass Walters Geschichte sie berührt, aufwühlt, irritiert, bei ihnen Fragen aufwirft, etwas in ihnen auslöst.»

Was genau dieses «Etwas» ist, darf für jeden Menschen anders sein. Entscheidend sei, dass die Geschichte weiterwirkt, «dass sie in ihren Gedanken nachhallt und dass sie beim Lesen für einen Moment die Aussenwelt vergessen».

«Das Fleisch schreibt mit»

In einer Zeit, in der künstliche Intelligenz zunehmend auch Texte produziert, stellt sich die Frage, welche Rolle solche Systeme in der Literatur spielen können. Todisco zieht hier eine klare Grenze.

«Um ein gutes Buch, eine gute Geschichte zu schreiben, braucht es Inspiration, Einfallsvermögen, Bauchgefühl, Intuition, Hingabe.» Für ihn ist Schreiben kein rein intellektueller Vorgang. «Das Schreiben kommt aus dem Bauch, es braucht Gefühle.»

Todisco beschreibt den kreativen Prozess als körperliche Erfahrung: «Man schreibt mit dem Körper, das Fleisch schreibt mit: Da rinnt Schweiss, fliessen Tränen, das Schreiben kann schmerzen, erfüllen, quälen …»

Genau hier sieht er die Grenze künstlicher Intelligenz. «All dies kann die KI nicht leisten. Sie ist ein kaltes Instrument, das rechnet, nicht fühlt.»

Ganz ausschliessen möchte Todisco die Technologie aus dem literarischen Arbeiten dennoch nicht. Bei der Recherche könne sie unterstützen, allenfalls Tipps geben oder bei einem Korrektorat helfen. Beim eigentlichen kreativen Schreiben sieht er ihre Möglichkeiten jedoch als begrenzt an.

Ein Gespräch mit Umberto Eco

Wenn Todisco die Möglichkeit hätte, eine Persönlichkeit aus Gegenwart oder Vergangenheit zu einem langen Gespräch zu treffen, müsste er nicht lange suchen. Seine Wahl würde auf den italienischen Schriftsteller und Semiotiker Umberto Eco fallen.

Besonders fasziniert ihn dessen Roman Der Name der Rose. Eco habe darin «eine fiktive Geschichte, einen Krimi, ins Mittelalter verpflanzt und sie so glaubwürdig gemacht, dass man sich in diese Zeit zurückversetzt fühlt, selbst wenn man nichts vom Mittelalter weiss».

Todisco würde von Eco deshalb vor allem eines wissen wollen: «Mich würde interessieren, wie er das fertiggebracht hat.»

Vielleicht liegt in dieser Frage zugleich etwas von dem Mysterium, das Todisco selbst am Schreiben fasziniert. Geschichten entstehen aus Beobachtungen, Erinnerungen und Erfahrungen. Sie werden konstruiert und verwandelt, manchmal nehmen sie beim Schreiben plötzlich eine unerwartete Richtung. Und wenn es gelingt, entsteht jene andere Dimension, von der Todisco spricht: ein Raum, in dem die Aussenwelt für einen Moment verschwindet.

 
 
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