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Nebel, Schicksal, Hoffnung

vor 5 Stunden
4 Min. Lesezeit

Für den Bündner Autor Jörg Rutz bedeutet Schreiben, in eine selbst erschaffene Welt einzutauchen. Im Gespräch erzählt er, wo seine Geschichten ihren Anfang nehmen, weshalb das Bündner Rheintal mehr als eine Kulisse ist, welches Schicksal ihn besonders berührt und warum künstliche Intelligenz für ihn beim eigentlichen Schreiben keinen Platz hat.

Für Jörg Rutz liegt die Faszination des Schreibens in der Freiheit, eine eigene Welt entstehen zu lassen. Eine Welt, deren Regeln der Autor selbst bestimmt und in der aus Gedanken, Beobachtungen und Ideen eine Geschichte wächst.

«Das Spannende am Schreiben ist, in die eigene, selbst erfundene Welt abtauchen zu können. Hier gibt es kein Richtig oder Falsch, nur den Blick nach vorne, dem sicheren Ende entgegen», sagt der Bündner Autor.

Doch wo beginnt ein neues Buch? Nicht zwingend mit einer bestimmten Figur, einem ersten Satz oder einer konkreten Szene. Bei Rutz steht am Anfang etwas weniger Greifbares. «Es ist eher ein Gefühl, ein Mix aus Beobachtungen und der Lust auf ein Thema, der den Wunsch auslöst, darüber zu schreiben.»

Aus diesem Gefühl entwickelt sich nach und nach eine Geschichte. Dabei bleibt auch der Autor selbst nicht vollständig ausserhalb seiner Figuren. Wie viel Persönliches tatsächlich in ihnen steckt, lässt sich für Rutz nur schwer beurteilen. «Wahrscheinlich mehr, als ich denke. Aber gewollt ist es nicht.»

Eine Geschichte verändert sich beim Schreiben

Auch wenn die Grundidee eines Romans steht, bedeutet das nicht, dass der Weg bis zur letzten Seite bereits festgelegt ist. Beim Schreiben entstehen neue Möglichkeiten, während andere Wege plötzlich nicht mehr funktionieren.

«Während des Schreibens gibt es immer wieder Verzweigungen oder Punkte, an denen ich nicht weiterkomme», erzählt Rutz. Gründe dafür können ganz unterschiedlicher Art sein. Manchmal passt der zeitliche Rahmen nicht, manchmal lässt sich ein geschichtlicher Hintergrund nicht so in den Kriminalroman integrieren, wie es ursprünglich vorgesehen war.

Gerade diese Veränderungen gehören für ihn zum Entstehungsprozess eines Buches. Eine Geschichte entwickelt während des Schreibens ihre eigene Dynamik und zwingt den Autor dazu, Entscheidungen zu überdenken.

Seinen aktuellen Kriminalroman in drei Sätzen zu beschreiben, hält Rutz denn auch für kaum möglich. Er entscheidet sich für eine deutlich knappere Variante: «Ich lasse daher gleich alles weg und versuche es mit drei Worten: Nebel. Schicksal. Hoffnung.»

Ein Schicksal, das berührt

Eine Figur seines Buches ist Jörg Rutz besonders nahegegangen. Nico wächst Anfang der 1990er Jahre in der rumänischen Hauptstadt Bukarest in der Kanalisation auf.

Die Beschäftigung mit den sogenannten Kanalkindern hat beim Autor Spuren hinterlassen. «Das Schicksal von Nico und unzähligen Kanalkindern hat mich betroffen gemacht», sagt Rutz. Damit verbindet er auch einen Wunsch: «Ich hoffe, dass sich das Leben für diese Kinder in Rumänien inzwischen verbessert hat.»

Die Figur Nico zeigt zugleich, wie historische und gesellschaftliche Hintergründe Eingang in einen Kriminalroman finden können. Sie sind nicht bloss Teil der Kulisse, sondern können einer Geschichte eine zusätzliche menschliche Dimension verleihen.

Das Bündner Rheintal als Teil der Geschichte

Eine ebenso wichtige Rolle spielen für Rutz die Schauplätze seiner Bücher. Orte und Landschaften sind für ihn nicht beliebig austauschbar. Sie prägen die Atmosphäre und verleihen einer Geschichte ihren eigenen Charakter.

«Orte und Landschaften geben der Geschichte Identität», erklärt er. Gleichzeitig ist ihm wichtig, dass sich die Leserinnen und Leser in dieser Umgebung wiederfinden können.

Beim aktuellen Kriminalroman ist die geografische Verankerung deshalb bewusst gewählt. «Dieser Kriminalroman kann nur im Bündner Rheintal spielen», sagt Rutz. Die Region wird damit selbst zu einem Bestandteil der Erzählung.

Was bei den Leserinnen und Lesern nach der letzten Seite zurückbleiben soll, fasst der Autor ähnlich knapp zusammen wie seinen Roman: «Wehmut. Freude. Ungeduld.»

Drei Gefühle, die durchaus zusammenpassen. Wehmut darüber, dass die Geschichte zu Ende ist. Freude über das Erlebte und Ungeduld auf das, was vielleicht noch folgen wird.

KI höchstens für die Recherche

Eine ausgesprochen klare Haltung hat Jörg Rutz zum Einsatz künstlicher Intelligenz in der Literatur. Auf die Frage, was er von KI in der heutigen Literaturszene halte, lautet seine Antwort schlicht: «Fürchterlich.»

Auch bei der Frage, wie viel Unterstützung durch künstliche Intelligenz seiner Meinung nach in ein Buch einfliessen dürfe, bleibt er konsequent: «Nichts. Ausser für die Recherche.»

Das eigentliche Schreiben bleibt für Rutz somit eine zutiefst persönliche Tätigkeit. Beobachten, erfinden, Figuren entwickeln, Umwege gehen und Lösungen finden gehören für ihn zum kreativen Prozess.

Ein Gespräch mit Zarli Carigiet

Zum Abschluss führt die gedankliche Reise nach Bad Ragaz. Wenn Jörg Rutz dort im Rahmen seiner Geschichte eine lebende oder historische Persönlichkeit zu einem langen Gespräch treffen könnte, müsste er nicht lange überlegen.

Seine Wahl fällt auf den Bündner Schauspieler Zarli Carigiet. Dabei scheint weniger eine einzelne grosse Frage im Mittelpunkt zu stehen als die Aussicht auf eine unterhaltsame Begegnung.

«Ich denke, wir hätten genug Dinge, über die wir sprechen und lachen könnten», sagt Rutz.

Vielleicht steckt genau darin auch etwas von dem, was sein Schreiben ausmacht. Menschen, Orte und Beobachtungen kommen zusammen und daraus entsteht eine Geschichte. Am Anfang steht ein Gefühl. Am Ende bleiben im besten Fall jene drei Dinge, die sich Jörg Rutz für seine Leserinnen und Leser wünscht: Wehmut, Freude und Ungeduld.

 
 
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