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«Manchmal führt der erste Satz durch ein ganzes Buch»

  • vor 2 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

Ein leeres Blatt, eine alte Karre und eine Autobahn, die plötzlich mehr ist als Beton und Asphalt: Linard Bardill spricht im Vorfeld des Literaturfestivals «Die Rahmenhandlung» über die Magie des Schreibens, unerwartete Begegnungen und sein aktuelles Buch «A13 – Geschichten vom Eilen und Verweilen».

Vom 18. bis 20. September wird in Bad Ragaz, Mels und Pfäfers wieder Literatur gefeiert. Zum fünfjährigen Bestehen von «Die Rahmenhandlung» haben wir den teilnehmenden Schreibenden einen Fragebogen geschickt. Einer, der sich ausführlich darauf eingelassen hat, ist der Scharanser Autor, Liedermacher und Geschichtenerzähler Linard Bardill. Am Freitag ist er im Parcours 3 im Alten Bad Pfäfers zu erleben.


Schreiben beginnt für Bardill zunächst mit etwas ganz Einfachem: einem leeren Blatt. Magisch werde der Vorgang unter anderem durch das Gefühl, wenn daraus etwas entstanden ist. «Dafür gibt es viele Gründe. Einer davon ist das Dopamin, das ausgeschüttet wird, wenn ein leeres Blatt – sei es physisch oder digital – plötzlich voll ist.»

Wo ein neues Buch seinen Anfang nimmt, lässt sich für ihn dagegen nicht allgemeingültig beantworten. Zu unterschiedlich seien die Themen. Aktuell beschäftigt Bardill etwa die Frage, welche ethischen Grundlagen eine Gesellschaft benötigt, um ihre Zukunft gestalten zu können. Ein völlig anderer Ausgangspunkt als bei seinen Geschichten für Kinder.

Eine Konstante gibt es dennoch: «Immer aber ist der erste Satz entscheidend.» Manchmal führe dieser Satz einen durch ein ganzes Buch, sagt Bardill. In anderen Fällen entstehe er erst ganz am Ende – ähnlich wie ein Titel.

Von der Autobahn abgefahren

Dass ein Buch nicht zwingend dort landet, wo man es ursprünglich vermutet, zeigt Bardills jüngstes Werk besonders deutlich. Gemeinsam mit dem Landschaftskalligrafen Lorenzo Custer hat er sich der A13 angenommen. Die knapp 200 Kilometer lange Verkehrsachse zwischen dem St. Galler Rheintal und dem Tessin wird dabei zum Ausgangspunkt für Begegnungen und Geschichten.

Die Methode der beiden war denkbar einfach. «Wir haben ein Buch über die A13 geschrieben und sind mit einer alten Karre von St. Margrethen nach Bellinzona gefahren. Dabei sind wir blind und zufällig immer wieder von der Autobahn abgefahren. Daraus entstand das Buch.»

Ausgerechnet die Autobahn, Sinnbild für möglichst schnelles Vorwärtskommen, wird so zum Ort des Innehaltens. Entsprechend fasst Bardill das Buch zusammen: «Das Buch über die A13 enthält Geschichten vom Eilen und Verweilen.» Dahinter stehe eine Frage, die zunächst beinahe widersprüchlich klingt: «Kann man eine Autobahn mögen oder gar gern bekommen?»

Bardill hatte darauf vor der Reise eine klare Antwort. «Ich hasste sie nämlich vor dem Buch.» Ob das heute noch immer so sei? Diese Antwort behält er für sich: «Da muss man schon selbst nachlesen.»

Menschen statt Asphalt

Wer die Autobahn verlässt, begegnet Menschen. Und genau sie scheinen Bardill besonders zu interessieren. Im Buch führen die Stationen unter anderem zu einem Zementwerk, einem Steinbruch, Höhlen, Raststätten und Pizzerien.

Eine Begegnung ist Bardill besonders geblieben: jene mit dem Pizzaiolo Franco Todisco in Buffalora. «Nicht nur, weil er die besten Pizzas auf der Alpensüdseite macht, sondern weil er so viele Geschichten zu erzählen weiss, dass einem Hören und Sehen vergeht.»

Die Landschaft ist dabei weit mehr als eine Kulisse. Dennoch glaubt Bardill, dass die Grundidee auch anderswo funktionieren würde. «Man könnte dieses Buch über jede Autobahn schreiben – einfach völlig anders.» Denn letztlich liege das Entscheidende nicht unter den Rädern, sondern auf dem Beifahrersitz und an den Orten entlang der Strecke: «Der Mensch, mit dem man diese Reise unternimmt, ist das Inspirierendste an der ganzen Geschichte.»

Aussteigen und selber entdecken

Diese Haltung prägt auch Bardills Antwort auf die Frage nach künstlicher Intelligenz in der Literatur. Statt eine Grenze zwischen erlaubter und unerlaubter technischer Unterstützung zu ziehen, greift er erneut zum Bild der Autobahn.

«Wie viel Auto ist erlaubt? Wer nie aus dem Auto aussteigt, wird die wunderbaren Geschichten und Orte an dieser Autobahn nie erfahren.» Wer dagegen den Weg zu Fuss unter die Füsse nehme, könne eine völlig andere Reise erleben.

Technik kann einen also vorwärtsbringen. Das Entscheidende geschieht für Bardill offenbar dort, wo man bereit ist, sie hinter sich zu lassen, genauer hinzusehen und sich auf Menschen und Orte einzulassen.

Vielleicht ist das auch der Gedanke, der «A13 – Geschichten vom Eilen und Verweilen» am besten zusammenfasst. Bardill wünscht sich jedenfalls, dass nach der letzten Seite nicht einfach das Buch zugeklappt wird. Zurückbleiben soll «ein tiefes Durchatmen und die Lust, den einen oder anderen Diamanten an dieser Kette von wunderbaren Orten und Geschichten selbst kennenzulernen».

Und damit wäre man wieder bei der Autobahn: Manchmal liegt das Interessanteste einer Reise eben dort, wo man die nächste Ausfahrt nimmt.



 
 
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