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«Man soll selbst schreiben und nicht der Computer»

2. Sept.
4 Min. Lesezeit

Mit «Dunkler Sog» legt Jörg Rutz nach «Tatort Madast» und «Dunkle Zeiten» seinen nächsten Kriminalroman vor. Der Autor aus Landquart hat inzwischen seinen eigenen Rhythmus gefunden. Er schreibt am Morgen, plant seine Geschichten nicht bis ins letzte Detail und lässt Figuren auch während des Schreibens entstehen. Gleichzeitig beobachtet er eine Entwicklung, die den gesamten Literaturbetrieb beschäftigt: künstliche Intelligenz.


Wer einen komplexen Kriminalroman mit zahlreichen Figuren liest, könnte vermuten, dass dahinter ein detaillierter Plan mit Figurenlisten, Zeitachsen und Karten steckt. Bei Jörg Rutz ist das nur teilweise der Fall.

Natürlich achtet er darauf, dass die Logik stimmt. Wenn eine Figur von einem Ort zum anderen reist, muss die benötigte Zeit plausibel sein. Solche Fragen überprüft er. Einen minutiösen Plan, der bereits vor dem ersten Satz jede Entwicklung vorgibt, erstellt er jedoch nicht.

Auch die Figuren entstehen teilweise während des Schreibens. Nicht jede Person ist von Anfang an mit einer vollständigen Biografie und einer exakt definierten Funktion ausgestattet.

Das kann dazu führen, dass in seinen Romanen relativ viele Figuren auftreten. Rutz weiss das. Stören tut es ihn nicht. Auch beim eigenen Lesen merke er sich längst nicht jede Nebenfigur dauerhaft. Für ihn können zusätzliche Personen eine Geschichte auflockern und eine Welt lebendiger machen.


«Ich mache mir viel zu wenig Notizen»

Ähnlich spontan geht Rutz teilweise mit seinen Schauplätzen um. Viele davon kennt er persönlich. Andere besucht er gezielt. Ein umfangreiches Recherchearchiv legt er jedoch nicht für jeden Ort an. «Ich mache mir viel zu wenig Notizen», sagt er. Vieles bleibt als Bild im Kopf und wird später beim Schreiben wieder hervorgeholt. Gerade in Landquart und Umgebung kann Rutz auf jahrelange persönliche Erfahrungen zurückgreifen. Die Region ist für ihn Lebensraum und literarischer Fundus zugleich.

Diese Nähe prägt «Dunkler Sog». Campingplatz, Industrie und andere alltägliche Orte erhalten im Roman eine neue Bedeutung. Sie werden zu Schauplätzen einer Kriminalgeschichte, ohne ihre lokale Glaubwürdigkeit zu verlieren.


Der Druck nimmt ab

Mit jedem veröffentlichten Buch verändert sich auch das Verhältnis zum eigenen Schreiben. «Der Druck wird immer weniger, je mehr Bücher du machst», sagt Rutz.

Das bedeutet nicht, dass die Zweifel verschwinden. Der Schreibprozess bleibt für ihn von starken Schwankungen begleitet. Es gibt Momente, in denen ein Abschnitt genau richtig erscheint. Dann wiederum kommen Phasen, in denen selbst die Qualität einzelner Sätze infrage steht.

Mit der Erfahrung wächst jedoch das Vertrauen, dass solche Momente zum Prozess gehören.

Rutz schreibt weiterhin konsequent am Morgen. Diese Routine hilft ihm, neben Beruf und Familie an seinen Büchern zu arbeiten. Das Schreiben bleibt für ihn ein intensives Hobby und keine Tätigkeit, von der er wirtschaftlich leben muss.


Die Idee muss vom Menschen kommen

Gleichzeitig verändert künstliche Intelligenz die Möglichkeiten für Menschen, die Texte verfassen möchten. Rutz betrachtet diese Entwicklung differenziert. Als Werkzeug lehnt er künstliche Intelligenz nicht grundsätzlich ab.

Bei Korrekturen setzt er entsprechende Möglichkeiten selbst ein. Besonders bei komplizierten Satzkonstruktionen kann technische Unterstützung helfen, einen Text auseinanderzunehmen und verständlicher aufzubauen.

Beim eigentlichen Schreiben zieht Rutz jedoch eine klare Grenze.

«Ich finde, man soll selbst schreiben und nicht der Computer», sagt er.

Für ihn gehört es zur Leistung eines Buches, eine Geschichte selbst zu entwickeln. Ein Autor müsse eine Idee haben, einen eigenen Dreh finden und daraus einen funktionierenden Text machen.

KI als Werkzeug, nicht als Autor

Auch Impulse hält Rutz nicht grundsätzlich für problematisch. Wer beim Entwickeln einer Geschichte feststeckt, könne sich durchaus Anregungen holen. Entscheidend sei, dass das eigentliche Schreiben beim Menschen bleibe.

Für ihn stellt sich zudem die Frage der Transparenz. Wenn künstliche Intelligenz einen wesentlichen Anteil an einem Werk hat, sollte dies aus seiner Sicht kenntlich gemacht werden.

Seine eigene Arbeitsweise setzt dagegen stark auf persönliche Beobachtung. Gerade der lokale Bezug seiner Bücher ist dafür ein Beispiel. Rutz kennt die Schauplätze nicht nur von Bildern. Er weiss, wie ein Campingplatz aussieht, wie eine Gegend wirkt und welche Atmosphäre an einem bestimmten Ort herrscht. Diese Erfahrungen werden Teil des Schreibens.


Vom Zufallsfund zur Geschichte

Auch die Grundidee von «Dunkler Sog» entstand durch menschliche Neugier. Rutz stiess auf Dokumentationen über Menschen, die in den Kanalisationen von Bukarest lebten. «Das ist einfach so ein Zufallsfund auf YouTube», sagt er. Besonders das Schicksal der Kanalkinder beschäftigte ihn. Daraus entwickelte er eine Geschichte, die im Dezember 1989 beginnt. Nico und seine Schwester Katarina leben in den Kanälen von Bukarest. Während das politische Regime zusammenbricht, hoffen sie auf Veränderung.

Jahre später führt die Geschichte in die Schweiz. Nico ist inzwischen Teil einer kriminellen Unterwelt. Ein missglückter Raubüberfall, ein Mordfall und mehrere miteinander verbundene Lebenswege setzen die Krimihandlung in Bewegung.

Eine Welt, die weiterwächst

Mit Pius Cathomas kehrt dabei eine bekannte Figur zurück. Rutz entwickelt damit nach «Tatort Madast» und «Dunkle Zeiten» eine lose verbundene Krimiwelt weiter.

Für ihn ist noch nicht jede Entwicklung abgeschlossen. Manche Figuren verändern sich weiter, andere haben ihren erzählerischen Weg beendet. Was danach kommt, lässt Rutz bewusst offen. Nach Abschluss eines Buches beginnt irgendwann wieder die Suche nach einem neuen Thema.

Vielleicht steht am Anfang erneut eine Dokumentation. Vielleicht ein Ort in Landquart. Vielleicht eine Beobachtung, die zunächst völlig nebensächlich erscheint. Denn einen vollständig vorgegebenen Fahrplan braucht Rutz nicht. Entscheidend ist, dass aus einer Idee seine eigene Geschichte entsteht.


 
 
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