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Vier Stimmen, ein Roman und die Kunst des gemeinsamen Schreibens

vor 10 Stunden
4 Min. Lesezeit

Zum 50-Jahr-Jubiläum des Rotpunktverlags haben Romana Ganzoni, Karin Rey, Lis Künzli und Samuel Herzog gemeinsam den Roman «Der Verlag» geschrieben. Die Bündner Autorin erzählt, weshalb sie beim Schreiben gerne Kontrolle abgibt, was sie an ihrer Figur Susanna Mainradi fasziniert und warum kleine Verlage für die Schweizer Literaturlandschaft unverzichtbar sind.

Normalerweise entscheidet eine Schriftstellerin selbst, wie ihre Figuren handeln, was sie verschweigen und welche Wendung eine Geschichte nimmt. Bei «Der Verlag» war das anders. Romana Ganzoni teilte die Verantwortung für den Roman mit drei weiteren Schreibenden. Karin Rey entwickelte Nola, Lis Künzli Pénélope, Samuel Herzog Peter und Ganzoni die Lyrikerin Susanna Mainradi. Jede Figur erhielt dadurch eine eigene Stimme und eine eigene Sicht auf die Ereignisse.

Damit aus vier Perspektiven ein Roman werden konnte, brauchte es gemeinsame Absprachen über Handlung, Figuren und zeitliche Abläufe. Zugleich sollte genügend Freiraum für Überraschungen bleiben. Ganzoni erinnert sich an Situationen, in denen ihre Susanna plötzlich mit Ereignissen konfrontiert war, die sie selbst nie geplant hätte. Darauf musste sie als Autorin reagieren. «Andere Menschen schreiben an unserer Geschichte mit, ob wir wollen oder nicht», sagt sie.

Für Ganzoni war diese Erfahrung kein Verlust, sondern eine Bereicherung. Zwar musste sie akzeptieren, dass ihre Figur aus der Sicht der anderen anders wirkte als aus ihrer eigenen. Gerade darin sieht sie jedoch eine literarische Chance. Menschen haben ein bestimmtes Bild von sich selbst, während andere sie ganz anders wahrnehmen. Diese unterschiedlichen Blicke können eine Figur vielschichtiger machen. Voraussetzung dafür ist Vertrauen zwischen den Beteiligten.

Ein Verlag zwischen Idealismus und Rechnungen

Im Mittelpunkt der Geschichte steht unter anderem Nola. Sie kommt aus der Finanzbranche und übernimmt einen kleinen Verlag, obwohl sie mit der Buchwelt zunächst kaum vertraut ist. Ihr unvoreingenommener Blick macht sie für die Leserschaft zur Begleiterin durch einen Betrieb mit eigenen Regeln. Buchmessen, Vorschauen, Lektorate, Rechtehandel und Vertrieb erscheinen durch ihre Fragen plötzlich weniger selbstverständlich.

Nola erkennt bald, dass ein Verlag nicht allein von der Begeisterung für Literatur leben kann. Manuskripte müssen betreut, Bücher hergestellt, Veranstaltungen organisiert und Rechnungen bezahlt werden. Besonders in einem kleinen Haus verteilen sich viele Aufgaben auf wenige Mitarbeitende. Ganzoni fasst den Ansatz des Romans so zusammen: «Die Mechanik ist erstaunlich real, die Figuren sind Literatur.»

Die vier Schreibenden haben vertraute Strukturen des Verlagsalltags aufgegriffen und komisch zugespitzt. Hinter den Übertreibungen stehen jedoch ernsthafte Fragen. Wie lässt sich literarischer Anspruch mit wirtschaftlicher Realität vereinbaren? Wie viel Risiko kann ein unabhängiger Verlag eingehen? Und was geschieht, wenn ein erwartetes Manuskript nicht eintrifft? Ganzoni bezeichnet den Roman deshalb weniger als Schlüsselroman denn als Vergrösserungsglas.

Eine Lyrikerin auf Abwegen

Das ausstehende Manuskript führt zu Susanna Mainradi. Die Lyrikerin soll einen Roman abliefern, lässt sich aber lieber von rätselhaften Postkarten und ihren Fantasien beschäftigen. Die Versuchung, sich beim Schreiben anderen Dingen zuzuwenden, kennt auch Ganzoni. Plötzlich scheint es dringlich, einen Schrank auszuräumen oder etwas völlig anderes nachzulesen. Dennoch ist Susanna für sie keine verkleidete Selbstbeschreibung.

Eine langjährige Verbindung

Dass «Der Verlag» zum fünfzigjährigen Bestehen des Rotpunktverlags erscheint, hat für Ganzoni eine persönliche Bedeutung. Im Verlag wurden ihre Bücher «Granada Grischun» und «Tod in Genua» veröffentlicht. Hinzu kommen Beiträge zu mehreren Anthologien und Gemeinschaftsprojekten. Während des ersten Corona-Lockdowns wirkte sie am «VierzigTageBuch» mit, das nicht regulär in den Handel kam, sondern an zahlreiche Menschen verschickt wurde.

Über die Jahre entstand so eine Beziehung, die über einzelne Publikationen hinausgeht. Darin sieht Ganzoni eine sehr besondere Stärke unabhängiger Verlage. Sie können Autorinnen und Autoren langfristig begleiten, literarische Entwicklungen ermöglichen und unterschiedliche Stimmen miteinander in Verbindung bringen. Allerdings will sie kleine Häuser nicht romantisieren. Ihr wirtschaftlicher Druck ist gross, die personellen Ressourcen sind begrenzt. Grosse Verlage verfügen dagegen über mehr Kapital, spezialisierte Abteilungen und weitreichendere Vertriebsnetze. Für Ganzoni ist das kein Gegensatz zwischen gut und schlecht, sondern ein Unterschied der Möglichkeiten.

Literatur braucht Vielfalt

Was ohne solche Verlage verloren ginge, nennt Ganzoni die «Biodiversität» der Literaturlandschaft. Sie vergleicht einen Markt, in dem nur schnell wachsende und ertragreiche Bücher bestehen, mit einer Plantage. Literatur brauche aber ebenso das Ungewöhnliche, das Langsame, das Regionale und das schwer Verkäufliche. Wenn unabhängige Verlage verschwinden, gehen deshalb nicht bloss Unternehmen verloren, sondern auch Möglichkeiten für neue Texte und Begegnungen.

Die Erfahrung, dass unterschiedliche Stimmen gemeinsam etwas schaffen können, begleitet Ganzoni schon lange. Beim Theaterprojekt «Ein Waldstück» erlebte sie, wie Schauspiel, Musik und Aufführungsort einen Text verändern. Auch bei Schulhausromanen in Samedan und Zernez und beim Hörspiel «Scheherazade» arbeitete sie mit anderen zusammen. Besonders prägend war für sie ein Schreibprojekt mit jungen Geflüchteten in Schiers. Daraus entstand das Buch «So fern, so nah. Heimat und Hoffnungen von jungen Geflüchteten».

Diese Haltung prägt auch ihre Sicht auf «Der Verlag». Gemeinsam zu schreiben bedeutet für sie nicht, Unterschiede einzuebnen. Im Gegenteil: Jede Stimme soll erkennbar bleiben und zugleich auf die anderen reagieren können. An der Entstehung des Romans waren auch die Lektorinnen Anina Barandun und Christiane Schmidt beteiligt. Das anspruchsvolle Schlusslektorat übernahm Barandun.

So ist das Buch nicht einfach eine humorvolle Jubiläumsgabe an den Rotpunktverlag. Es ist auch ein Experiment über Vertrauen, Perspektiven und geteilte Verantwortung. Ganzoni sieht darin einen selbstverständlichen Teil ihres literarischen Schaffens. Denn am Ende entstand etwas, das keine und keiner der vier Beteiligten allein hätte schreiben können.

 
 
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