«Landschaft ist mein Herzensthema»

Köbi Gantenbein bezeichnet «Landschaft singen» als sein persönlichstes Buch. In 19 Suiten erzählt der Fläscher Journalist und Musikant vom Aufschwung der Schweiz, vom Verlust wertvoller Landschaften und von Menschen, die Landschaft geprägt haben. Im Gespräch blickt der ehemalige «Hochparterre»-Chefredaktor auf seine Arbeit, sein Engagement für die Bündner Kultur und die Freude an der Musik zurück. Am 17. Oktober feiert das Buch in Davos Premiere.
Köbi Gantenbein hat neunzehn Bücher geschrieben und während Jahrzehnten die Diskussion über Architektur, Raumplanung und Landschaft in der Schweiz mitgeprägt. Sein neustes Werk, «Landschaft singen», sei sein wichtigstes Buch. Klingt das nicht nach einem Verkaufsargument? Gantenbein widerspricht. «Es ist mein persönlichstes Buch», sagt er. Darin habe er zwei Themen zusammengeführt, die ihn seit seiner Jugend beschäftigen. «Landschaft ist mein Herzensthema und Musik macht mir Freude.» Die 19 Suiten sind keine Sammlung früherer Veröffentlichungen. Er hat sie in den vergangenen Jahren für musikalische Auftritte geschrieben. Darin erzählt er vom kulturellen, wirtschaftlichen und sozialen Aufschwung der Schweiz, von Menschen und ihren Geschichten, und davon, welchen Preis die Landschaft für den Wohlstand bezahlt.
Wenn Wohlstand Landschaft verbraucht
Für den 70-Jährigen ist der Aufschwung der Schweiz untrennbar mit der Veränderung ihrer Landschaft verbunden. Strassen, Kraftwerke, Siedlungen und touristische Anlagen haben Wohlstand ermöglicht und dafür naturnahe Lebensräume verändert. «Unser Wohlstand beruht darauf, dass wir Substanz verschleudern. Substanz an Ressourcen, Substanz an Natur und Substanz an Landschaft», erklärt er. Schon als Bub interessierte er sich für Vögel und war mit älteren Naturfreunden unterwegs, um sie zu beobachten. Er lernte: Vögel brauchen als Lebensräume naturnahe Landschaft. Wenn Arten seltener werden oder verschwinden, schmerzt ihn das. Aber Gantenbein trauert keiner vermeintlich besseren Vergangenheit nach. Er habe kein «Klagebuch» geschrieben. Als Journalist wolle er verstehen, weshalb die Landschaft heute so aussehe, welche wirtschaftlichen Kräfte sie prägen und wie die Gesellschaft anders mit ihr umgehen müsse.
Wie viel Energie brauchen wir wirklich?
Deutlich wird diese Haltung beim Thema Wasserkraft. Gantenbein hat ihren Ausbau über Jahrzehnte miterlebt, von den grossen Kraftwerksprojekten der 1960er-Jahre bis zu den Widerstandsbewegungen gegen Eingriffe in alpine Landschaften. An solchen Auseinandersetzungen beteiligte er sich auch persönlich. Ein grundsätzlicher Gegner der Wasserkraft sei er nicht. Zumal er ja wisse, dass eine moderne Gesellschaft Energie brauche. Doch wie viel zusätzliche Energie ist nötig, und welche Eingriffe sind dafür gerechtfertigt? In seinem Buch beschäftigt er sich unter anderem mit dem Kraftwerksprojekt «Trift» im Berner Oberland. Er kritisiert, dass heute wieder mehr Wildnis für die Stromproduktion beansprucht werde, jenseits aller wirtschaftlicher Vernunft und zum Preis der Zerstörung. Und er kritisiert den steigenden Verbrauch für, wie er sagt, «viel zu viel Unsinn». Als Beispiele nennt er Kryptowährungen, deren Betrieb grosse Mengen an Strom und Wasser benötigt. Er kritisiert die Selbstverständlichkeit, mit der diese Verschwendung akzeptiert werde. «Ich vermisse den gesellschaftlichen Diskurs», sagt er. Was bringt eine Entwicklung? Wer bezahlt dafür? Und wer entscheidet, welche Landschaften dafür beansprucht werden? Anstatt über die Ursachen, streiten wir über die Folgen.
Geschichte anhand von Menschen erzählen
In «Landschaft singen» erzählt Gantenbein Geschichte über Menschen. Zum Beispiel über Johann Fortunat Coaz, Georg Fient, Nicolaus Hartmann, Clara Ragaz oder Alexander Spengler. Anhand ihrer Biografien zeichnet er wirtschaftliche, gesellschaftliche und technische Veränderungen nach. Die Geschichte des Tourismus wird ebenso zum Thema wie die Veränderung von Dörfern und alpinen Lebensräumen. Gantenbein interessiert, wie historische Entwicklungen an einzelnen Orten sichtbar werden. Geschichtswissen sei nötig, um über die Zukunft nachdenken zu können. Seine Suiten sind deshalb keine trockenen Abhandlungen: Die Libretti für die Suiten verbinden Recherche mit Erinnerungen, Humor und politischen Kommentaren.
Ein Journalist, der gerne Fragen stellt
Drei Tage nach seiner Matura an der EMS Schiers begann Gantenbein als Redaktor der «Bündner Zeitung» zu arbeiten. Später war er als Reporter beim Schweizer Radio tätig. Dann als Wissenschafter an der Universität Zürich. Seine kritische Haltung habe ihn nie behindert. Vorgesetzte hätten ihn meist ermutigt, unbequeme Fragen zu stellen und sie mit gut geschriebenen Texten zu beantworten. 1988 gründete Benedikt Loderer mit ihm «Hochparterre», die Zeitschrift für Architektur, Design und Planung. Während mehr als drei Jahrzehnten war er Chefredaktor und Verleger. Die Zeitschrift versteht sich als kritische Stimme in der Debatte über Baukultur und Landschaft. Ihre Haltung beschreibt Gantenbein als «kritisch, grün, rot und violett». Kritisch grundiert, gut informiert und elegant geschrieben seien Hochparterres Markenzeichen. Es gab Auseinandersetzungen, gelegentlich auch mit wirtschaftlichen Folgen, wenn Inserenten ihre Werbung zurückzogen. Meistens hörten ihm aber Menschen mit anderen politischen Ansichten gerne zu. «Du siehst das zwar ganz anders als wir, aber du erzählst Deine Meinung unterhaltsam und sagen, wies es geht, tun sowieso wir.»
Zwölf Jahre für die Bündner Kultur
Während zwölf Jahren präsidierte Gantenbein die Kulturkommission des Kantons Graubünden. Im letzten Juni hat er das Amt abgegeben. Gerne erinnert er sich an die Verleihungen der Bündner Kulturpreise. Zu Beginn seiner Präsidentschaft regte er an, die Feier an den Ort zu bringen, an denen die Kulturpreisträgerin oder der -preisträger lebt und wirkt. So begegneten sich Kulturschaffende, Bevölkerung und Politik unmittelbar. Die Kommission beurteilt auch Fördergesuche. Gantenbein erlebte, wie die Zahl, die Güte und der Aufwand für die Projekte zugenommen haben. Hinzu kamen kulturpolitische Aufgaben: die Mitarbeit an der Revision des Kulturförderungsgesetzes und am Kulturförderkonzept alle vier Jahre. Glücklich ist er, wie es gelungen ist, die grossartige Arbeit der kleinen Museen in den Dörfern und das Bündner Filmschaffen verlässlich zu unterstützen. Unglücklich ist er, dass es ihm nicht geraten ist, die Regierung zu überzeugen, das in gleicher Art mit dem Tanz, dem Theater und den elektronischen Künsten zu tun. Auch sein Anliegen, dass der Kanton für Künstlerinnen und Künstler aus der Fremde Ateliers und Aufenthalte einrichtet, ist gescheitert.
Mehr Zeit für Bücher, Berge und Musik
Seit seiner Pensionierung bei «Hochparterre» hat sich sein Alltag verändert. «Ich war ein leidenschaftlicher Journalist und ein sozial und wirtschaftlich erfolgreicher Verleger – das ging nur mit viel Arbeit. Jetzt arbeite ich weniger, schlafe viel mehr», erzählt er. Er liest und wandert. «Der Mensch sieht mit den Füssen», zitiert er seine Lebensweisheit. Wer eine Landschaft verstehen wolle, müsse sich in ihr bewegen, sie riechen, spüren und hinschauen. Und er ist Musikant. Musik begleitet ihn seit seiner Jugend. Die Klarinette ist sein Instrument. Er spielt in verschiedenen Formationen, machte Tanzmusik und war viele Jahre Musikant an politischen Festen, an Demonstrationen gegen AKW, gegen Strassenbau-Unsinn, gegen Staudämme und für den 1. Mai.
Als die Kapelle zum Vortrag kam
Wort und Musik führt Gantenbein seit 15 Jahren zusammen. Anregung war ein Vortrag über Johann Fortunat Coaz, den bedeutenden Forstmann und eine prägende Figur der Schweizer Landschaftsgeschichte. Statt allein zu referieren, entschied Gantenbein: «Ich nehme meine Kapelle mit.» Er erzählte Geschichten zu Coaz, und liess die Musiker dazwischen auftreten. Daraus entwickelte sich seine Form des musikalischen Erzählens. Für die Suiten spielt die Kapelle Musik vom Balkan, über Italien, das Prättigau bis nach Kuba und ordnet sie zu seinen Libretti. «Die Musik soll die Geschichten nicht unterbrechen, sondern ergänzen und ihnen einen eigenen Rhythmus und eine passende Stimmung verleihen.»
Eine Premiere mit vielen Freunden
An der Buchvernissage vom 17. Oktober um 17 Uhr im Kulturplatz Davos wird Gantenbein denn auch zur Feier des Buches mit der Bandella delle Millelire die Suite «Aufstieg und Fall der Stadt Davos» aufführen. Er freut er sich, wie seine zehn musikalischen Weggefährten geigen, pauken und trompeten werden. Ihnen hat er «Landschaft singen» gewidmet. «Mein Buch ist, weil sie sind», erzählt er. Auf die Frage, worauf er sich bei den Auftritten am meisten freue, antwortet er selbstironisch: «Ich freue mich, wenn es fertig ist. Dann klatscht das Publikum und ich schnaufe aus: Gut geraten.»
Mehr als ein gewöhnliches Buch
«Landschaft singen» vereint 19 Suiten und Libretti, Fotografien sowie die Geschichte der Bandella delle Millelire und ihrer elf Musikerinnen und Musiker. Anfang November spielen sie ein neues Album ein. Es gehört ebenso zum Buch, wie ein Film von Avi Sliman über die Formation. Eine eigene Webseite wird Musik und Film zugänglich machen. Die Fotografien zum Buch stammen von Ralph Feiner. Der Malanser arbeitet seit vielen Jahren mit Gantenbein zusammen. «Ich habe ihm eine Carte blanche gegeben», erzählt der Autor. «Ralph hat eine wunderbare Arbeit gemacht.» Weitere Beiträge stammen von Mathias Balzer, der über Gantenbein als Performer schreibt, und Rahel Marti, die sich mit dem singenden Landschaftsschützer Köbi beschäftigt. Der Bündner Grafiker Dominik Kurmann gestaltete das Buch; es erscheint in der Edition Frida. Mit «Landschaft singen» führt Gantenbein zusammen, was ihn ein Leben lang begleitet hat: Landschaft, Geschichte, politische Debatten und Musik. Die 19 Suiten erzählen davon, wie Menschen ihre Umgebung gestalten, verändern und manchmal zerstören. Und sie stellen die Frage, wie wir künftig mit unserer Landschaft leben wollen.
Die nächsten Aufführungen in der Region
Samstag, 17. Oktober 2026,17.00 Uhr, Kulturplatz Davos. Buchvernissage in Davos mit der Suite «Aufstieg und Fall der Stadt Davos». Mit Köbi Gantenbein und der Bandella delle Millelire.
Donnerstag, 22. Oktober 2026,19.00 Uhr, Klostertorkel MaienfeldBuchvorstellung in Maienfeld mit der Suite «Das Heulen des Wolfs im Mondschein. Der Klang des Dörfleins Fläsch.»Mit Köbi Gantenbein mit Curdin und Domenic Janett.
Samstag, 31. Oktober 2026,19.00 Uhr in der Kirche Malans Reformationsfeier in Malans. Mit der Suite «Reformation. Malans. 1526». Mit Köbi Gantenbein mit dem Orchester Alpenglühn’.
Sonntag, 15. November 2026,16.00 Uhr, Volksmusighus St. AntönienBuchvorstellung in St. Antönien mit der Suite «Georg Fient (1845 -1915) und die Erfindung des Prättigaus» Mit Köbi Gantenbein mit Curdin und Domenic Janett.
Freitag, 27. November 2026,19.30 Uhr, Bücher Lüthy ChurBuchvorstellung in Chur mit der Suite «Georg Fient (1845 -1915) und die Erfindung des Prättigaus»Freitag, 19.30, Bücher Lüthy Chur. Mit Eva und Lenz Engler, Vrena Habegger und Köbi Gantenbein als Jenazer Kapelle.



