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Linard Bardill: «Die A13 ist eine Lebensader»

  • 16. Apr.
  • 6 Min. Lesezeit

«A13 / Geschichten vom Eilen und Verweilen» heisst das neue Buch des Bündner Schriftstellers und Liedermachers Linard Bardill, das er mit dem Künstler Lorenz Custer zusammen publiziert hat. Was für den Scharanser die Faszination der vielbefahrenen Route ausmacht, wie er die Zukunft des Verkehrs sieht und vieles mehr, wollten wir von ihm wissen.


Wie entstand die Idee, ein Buch über die A13 zu schreiben?

Lorenz Custer, der Landschaftskalligraf, hatte mit dem Rotpunktverlag in Zürich vor Jahren das Buch «Tessiner Horizonte» gemacht. Das war ziemlich erfolgreich. Da fragte ihn der Verlag, ob er ein zweites Buch gemeinsam mit einem Textschreiber machen möchte. Er meinte, er wolle nicht mehr ein Heile-Welt-Buch über die schönen Orte des Tessins oder der Schweiz zeichnen, sondern ein Buch, das auch eine dystopische Ebene hat. Dabei sei er auf die A13 gekommen. Der Verlag fragte ihn, mit wem er das Projekt am liebsten umsetzen würde. So kam es, dass mich Anina Barandun vom Rotpunktverlag fragte, ob ich Lust hätte, an einem verrückten Buch mitzuwirken: einer Suche nach dem Guten und Schönen, nach dem Hässlichen und Grauenvollen einer Autobahn.


Welche Beziehung hattest du zuvor zur Route?

Wenn ich ehrlich bin, habe ich die Autobahn immer als Unort empfunden. Man will sie gar nicht länger als unbedingt nötig sehen und benutzen. Sie verhindert, dass man die Landschaft sieht und geniesst. Sie zerschneidet die Täler, macht unpassierbar, was früher passierbar war. Sie bildet riesige Korridore neben den Kantonsstrassen, den Feldwegen, dem Rhein – die viel zu breit sind und auch nicht schön gelöst werden können. Und sie ist laut. Es gibt so viele dystopische Momente dieser Route. Die Herausforderung, zu überlegen, was denn auch Schönes an ihr ist, hat mich herausgefordert, aber auch inspiriert.


Wie hat sich diese Beziehung im Verlauf des Prozesses verändert?

Ich habe zunächst gemerkt, dass es unglaublich viele schöne Orte neben der Autobahn gibt. Orte, die ich schon oft beim Vorbeifahren oder -rasen gerne einmal besucht hätte. Das habe ich dann mit Lorenz Custer zusammen an zwei Tagen wirklich gemacht.


Dabei wurde mir klar, welche Lebensader die A13 auch ist. Wie sie zum modernen Lebensentwurf von uns heutigen Menschen passt. Wie sehr sie vermisst wird, wenn einmal – wie in Sorte im Misox – eine Steinlawine eine Strassenseite wegreisst und der Verkehr nicht mehr rollt.


Ich habe mich mit der Geschichte der Nord-Süd-Verbindung beschäftigt, mit der Commercialstrasse als Folge des Ausbruchs eines Vulkans in Indonesien – und mit der Reaktion der Politik und der Bürger Graubündens auf jenen «Sommer ohne Sommer», als 1815 in ganz Europa und besonders in den Alpen die Hungersnot ausbrach. Details muss man im Buch nachlesen. Da gibt es existenzielle Themen, die die Alpenregion beschäftigt haben. Diese Nord-Süd-Achse, die ja schon über den Septimerpass und den Lukmanier vorhanden war, wurde dann für den Kutschenverkehr und später für den Autoverkehr mit San-Bernardino- und Splügenpass ausgebaut und entwickelt.

Welche Geschichte im Buch hat dich persönlich am meisten berührt?

Da gibt es verschiedene. Es gibt die Geschichte von Hohenems, wo der designierte König von Palermo und Sizilien, ein neunjähriger Knabe, durch die Staufer deportiert und im Schloss der Staufer in Hohenems gefoltert, entmannt und geblendet wurde. Das habe ich irgendwie physisch miterlebt, diese Brutalität – die dann bei den Juden, die in Hohenems lebten, fast tausend Jahre später durch die Deportation wieder so mit Händen greifbar wird.


Oder die Begegnung mit Lorenz in der Höhle bei Zillis, dieser Einweihungshöhle des Mithras-Kultes, wo die römischen Soldaten diesen Einweihungsweg, der in der ausgehenden Antike unendlich populär wurde, in die Alpen gebracht haben. Interessant ist, dass in unserer Zeit die Höhle – und zwar von Kindern – wiederentdeckt wurde.


Es gibt auch jenen Moment mit der Newtonschen Madonna im Valdort im Misox bei Grono. Der Künstler Reto Rigassi hat ein Lichtwunder in die Kapelle gezaubert. Die Sonnenbewegung lässt die weissen Hände der Immaculata, der unbefleckten Madonna, aufleuchten. Ein getürktes Wunder – aber dieses ist genauso gross wie das Wunder der unbefleckten Empfängnis. Diese Auseinandersetzung – was an den übrigen Empfängnissen befleckt sein soll – kontrastiert durch dieses physikalische Zusammenbringen von Blau und Rot, das dann als ein strahlendes Weiss auf den Händen der Madonna erscheint. Das hat mich sehr gepackt.


Wie war die Zusammenarbeit mit Lorenz Custer?

Da muss man das Buch lesen, weil über das ganze Buch hinweg das Werden einer Freundschaft beschrieben wird. Ich weiss nicht, wie viele Freundschaften dadurch entstanden sind, dass man gemeinsam ein Buch macht.


Waren zuerst die Zeichnungen da oder zuerst die Texte?

Zuerst waren die Erlebnisse. Wir haben die Landschaft erlebt – die Zwillingsbrücken im oberen Misox von Christian Menn, dem genialen Ingenieur, zusammen befahren. Wir haben auf Hans Weiss angestossen, der die Isla Bella in den 70er-Jahren gerettet hat. Wir haben in Buffalora mit Franco Todisco, dem 77-jährigen Pizzaiolo aus Neapel, gegessen und gesprochen. Diese Erlebnisse kamen zuerst. Dann habe ich meine Texte geschrieben und Lorenz seine Zeichnungen gemacht.


Der Verkehr in «Staubünden» ist immer ein grosses Thema. Wie hast du es gerade am Osterwochenende erlebt?

Ganz hautnah. Wenn wir unseren Sohn Liun, der in einer Institution lebt, in Landquart abholen, stehen wir sicher eine Stunde im Stau, wenn wir an einem Osterdonnerstag mit dem Auto unterwegs sind. Dieses Jahr aber fuhren wir mit dem Zug und sahen die kilometerlangen Staus vom Zugfenster aus – mit einem kleinen Lachen und der Erinnerung daran, wie oft wir selbst darin gestanden haben.


Welche Möglichkeiten siehst du, die Situation an solchen Wochenenden zu entschärfen?

Sicher nicht, indem die Dörfer noch zusätzlich erdrückt werden. Die Entscheidung damals, die Isla Bella nur zweispurig zu machen, halte ich auch heute noch für richtig. Man wäre ein paar Kilometer weiter südlich von Thusis in der gleichen Situation. Dann würden die Leute nicht bis Ems oder Chur vor dem Isla-Bella-Tunnel stehen, sondern vor dem Crapteig-Tunnel bis nach Rothenbrunnen.

Eine Entschärfung wäre nur durch einen verstärkten Gebrauch des öffentlichen Verkehrs möglich. Und andererseits dadurch, dass viele Menschen auch dort, wo sie wohnen, Ostern feiern können. Dass wir die Landschaft nicht noch mehr betonieren, nicht noch mehr Agglomerationen schaffen, die kaum Orte haben, wo Kinder spielen können, wo man gemeinsam ein Feuer macht, wo man miteinander essen und reden kann. Dass wir die Zunahme der Bevölkerung irgendwie in ein vernünftiges Mass bringen.


Du giltst als Mensch, der sich sehr für Nachhaltigkeit einsetzt. Wie schwierig war es, in deinem Buch über die A13 nicht lehrmeisterhaft rüberzukommen?

Es war schwer und auch nicht so schwer. Immer mehr habe ich angefangen, die Autobahn zu sehen. Es ist wie mit der Liebe: Wenn man den anderen nicht sieht, kann man ihn auch nicht lieben. Dieses Sehen hat dann langsam das Gefühl geweckt, dass die Strasse ein Wesen ist – wie auch ein Fluss ein Wesen ist. Natürlich ist der Rhein ein viel greifbareres und fühlbareres Wesen als die Autobahn. Und doch hat mich diese Ader, diese Nord-Süd-Verbindung, hineingenommen und Emotionen geweckt – nicht nur den Ärger über Lärm und Stau, sondern auch die Freude, Orte wie die Zementfabrik in Untervaz, die Nepomukkapelle in Cazis oder die Türme von Bellinzona zu entdecken.


Ich bin nicht zum Lehrmeister geworden – obwohl man wirklich unendlich viel darüber klagen könnte, was zum Beispiel im St. Galler Rheintal schiefgelaufen ist: Man hat den Rhein begradigt und dann rechts die österreichische, links die schweizerische Autobahn extrem nahe am Rhein gebaut und ihn damit noch weiter eingeengt. Das Buch endet jedoch versöhnlich. Und diese Versöhnlichkeit entspricht auch meinem inneren Erleben. Ich bin zu einem Schlüsselerlebnis gekommen, das das Buch erst am Schluss als Schlüsselsatz verrät.


Mit dem Buch bist du ziemlich unterwegs. Ist auch wieder neue Musik geplant?

Ja. In den zwei Jahren, in denen ich an dem Buch gearbeitet habe, habe ich auch Lieder geschrieben, die mit diesem Erlebnis zusammenhängen. Insbesondere das Erlebnis in der Höhle bei Zillis hat mich zu einem Lied geführt. Es heisst: «Wenn du die Gegenwart änderst, ändert sich auch die Vergangenheit, und die Zukunft ist längst nicht mehr dieselbe.» Dieses Lied werde ich als Premiere an den Lesungen präsentieren, und Lorenz Custer wird seine Kalligrafien zeigen. An einigen Orten wird René Grossheinz seine Fotografien präsentieren, die Teil des Projekts und einer neuen Webseite sind: Bardill.ch/A13. Diese wird Anfang Mai aufgeschaltet.


Das Schöne ist, dass wir Orte für die Lesungen gefunden haben, die an dieser Autobahn liegen: die Raststätte im Rheintal bei Buchs, der Verrucano-Steinbruch in Mels – wo wir einen kleinen Ausreisser von der A13 gemacht haben. Auf die Lesung in der legendären Verrucano-Höhle freue ich mich besonders. Dann in der Zementfabrik in Untervaz, in Chur bei Lüthy – etwas Freundschaftspflege mit Buchhändlern, die seit Jahren meine Bücher präsentieren; der einzige Ort, der ein klassischer Leseort ist. Ansonsten ist eine Lesung im Salzhaus des Tiefbauamtes in Thusis geplant. All diese Termine gilt es nun zu bewerben – auf Social Media und in den Zeitungen.


8.5.26 • 20:00 Uhr • Chur, Buchhaus Lüthy 29.5.26 • 12:00 • Zürich, Paulus Akademie 29.5.26 • 20:00 Uhr • Splügen, Bodenhaus 30.5.26 • 16:00 Uhr • Untervaz, Zementfabrik Holcim 31.5.26 • 10:30 Uhr • Grono, Valdort 4.6. 26 • 19:30 Uhr • Diepoldsau, Kulturhaus Thurnherr 5. 6.26 • Mels, Steinbruch Verucano 6. 6.26 • 15:30 Uhr • Buchs/Sevelen, Autobahnraststätte Rheinthal 7.6. 26 • 10:00 Uhr • Thusis, Tiefbauamt Text/Foto: Christian Imhof/Hitsch Rogantini



 
 
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