«Literarische Texte schöpfen immer aus den Erfahrungen der Schreibenden»
- vor 3 Tagen
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«Am Kantenhain» heisst das neue Buch der Churer Schriftstellerin Gianna Olinda Cadonau, das vor wenigen Tagen erschienen ist. Wie es zu den Erzählungen gekommen ist, wie lange sie daran getüftelt hat und vieles mehr, lest ihr hier im Interview.
Du stehst mit deinem neuen Buch in den Startlöchern. Wie nervös bist du?
Ich freue mich, dieses Buch ist ein Geschenk. Die Erzählungen sind während der letzten sechs Jahre entstanden. Acht der elf Kurzgeschichten wurden in verschiedenen Publikationen während der letzten Jahre veröffentlicht, drei sind „neu", also bisher unveröffentlicht. Dank des Lenos Verlags sind sie jetzt ein Ganzes.Da ein Grossteil der Texte schon hier und da veröffentlicht wurde, es also nicht diese grosse, intensive und schöne Arbeit gab, ein Manuskript zu beenden, einen einzigen langen Text abzuschliessen, ist es eine ruhigere Nervosität. Die Kunst ist jetzt, den Erzählband als ganzes vorzustellen, eine Lesung zu gestalten und über die Texte als ein Ganzes zu sprechen. Und damit beginne ich ja gerade hier, mit deinen Fragen, Christian.
Von wem stammt das Cover?
Das Umschlagbild stammt von Shutterstock. Die Gestaltung des Covers hat das Team des Lenos Verlags gemacht, Anne Burri, Tom Forrer und Christoph Blum. Das Verlagsteam hatte noch einen anderen Vorschlag. Beim gemeinsamen Überlegen sind wir auf dieses Bild gekommen. Es passt zum Cover der Feuerlilie, die Farben sind auch hier kräftig, es ist Dunkles und Helles darin, genau wie in den Geschichten. Es ist super ein solches Mitspracherecht bei diesen Fragen zu haben. Die Entscheidungen das Cover und den Titel betreffend liegen oft beim Verlag. Beim Titel war es diesmal einfacher. Es war für uns alle klar, dass eine der Geschichten dem Buch den Titel geben soll. Da ich, was Titel betrifft, nicht sehr gut oder entscheidungsfreudig bin, war ich Anne Burri vom Verlagsteam sehr dankbar für den Vorschlag. Am Kantenhain ist eine Ortsangabe, im Wort sind der lichte Wald, aber auch eine Kante - es passt wunderbar.
Auch wenn die Covers ähnlich aussehen, bei der Feuerlilie stand Roman, bei Am Kantenhein steht Erzählungen. Was ist der Unterschied?
Feuerlilie ist eine lange Geschichte, ein kurzer Roman also. In Am Kantenhain sind, wie schon gesagt, elf Erzählungen. Sie sind in verschiedenen Jahren entstanden, einige waren Auftragstexte, andere nicht.Zum Teil bekam ich inhaltlich eine Carte Blanche und durfte machen, es gab nur eine maximale Länge. Zum Teil war ein Thema vorgegeben. Natürlich waren es immer Themen, die mich interessierten, sonst hätte ich den Auftrag nicht angenommen. Und immer war ich in der Herangehensweise, in der Perspektive und Erzählweise frei. So konnte ich immer meinen eigenen Weg zum Thema, den Figuren und Landschaften finden.
In der Geschichte geht es um eine Begegnung von zwei Figuren. Wie viel ist Fantasie, wie viel vom echten Leben inspiriert? Begegnungen von zwei oder mehreren Figuren gibt es in allen elf Geschichten. Aber es spielen auch Tiere, Landschaften, Umgebungen wichtige Rollen. Es gibt in jeder Geschichte Elemente, die ich aus meinem Leben kenne, oder aus dem Leben von Personen, die mir nahe stehen. Ich schreibe über Situationen, Zustände und Figuren, die mich interessieren, die etwas mit meiner Lebensrealität zu tun haben. Ich denke, dass literarische Texte immer aus den Erfahrungen der Schreibenden schöpfen.
Wie die Geschichte erzählt wird, wie das Erfahrene oder die Begebenheit erzählt wird, literarisch transformiert wird, das ist, was sie einzigartig macht. Die Inhalte, in meinen Geschichten sind es ausgegrenzt sein, Rassismus, Dazugehören, Gewalt, Einsamkeit, Freundschaft, Trost, Verslust, Gemeinschaft, Vertrauen, Liebe, diese Inhalte sind doch immer ähnlich, nicht? Ich versuche mit meinen Geschichten den Blick der Lesenden auf eine bestimmte Weise auf die Figuren und ihre Geschichten zu richten, sodass sie den Figuren eine Weile folgen können, deren Geschichten mitfühlen können. Dabei möchte ich keine Schlussfolgerung, keine Lösung finden, nichts erklären müssen. Ich denke, so ist es möglich, mit den Figuren in Verbindung zu treten, mit einer Geschichte, einer möglichen Realität. Ich denke, so können wir Gemeinschaft erfahren.
Du überarbeitest deine Texte mit viel Effort und Freude. Wie lange hattest du jetzt an deinem neuen Werk?
Am Roman Feuerlilie habe ich, mit Unterbrüchen, sieben Jahre gearbeitet. Die Erzählungen Am Kantenhain sind kürzere Texte. Zum Teil waren es Auftragstexte, wo es einen ganz konkreten Abgabetermin gab. So hatte ich manchmal ein halbes Jahr, manchmal zwei, oder drei Monate Zeit für einen Text. Bei kürzeren Texten ist das Überarbeiten anders. Die Erzählstränge, wenn es überhaupt mehrere sind, sind nicht so lang, ich kann sie leichter überblicken. Ich habe immer die ganze Geschichte aufs Mal im Kopf. Das macht zumindest diesen Aspekt einfacher. Wie bei einem Gedicht feile ich dann an den Sätzen, am Klang, an den Wörtern herum... einfach so lange, wie ich Zeit habe. Hier waren es, wie gesagt zwischen zwei Monaten und für die bisher noch unveröffentlichten ein, zwei, drei Jahre. Bei diesem Buch haben wir intensiv über die Reihenfolge der Geschichten, über die Titel einzelner Geschichten und auch über einzelne Namen der Figuren gesprochen.
Wann empfindest du deinen Text als fertig?
Es gibt Texte, die diesen Punkt erreichen. Ich lese den Text durch, lese ihn laut vor, nehme ihn manchmal sogar auf und höre ihn mir an. Wenn er fertig ist, habe das Gefühl, der Inhalt sei in ein genau passendes Gefäss gegossen und dieses Gefäss sei jetzt voll. Andere Texte bleiben beweglich, durchscheinend, flüchtig. Da wird es wahrscheinlich bei jeder neuen Publikation eine Änderung geben. Es ist beides schön.
Du bist ja ziemlich sprachflexibel. Sind irgendwelche Übersetzungen geplant?
Für Am Kantenhein noch nicht. Obwohl es zwei der Geschichten, Steh auf und Jahrhundertereignisauch auf Romanisch gibt. Sie sind zweisprachig, die eine im Ausstellungskatalog des Bündner Kunstmuseums Wie Sprache die Welt erfindet und die andere im Erzählband Churer Kurzgeschichten veröffentlicht. Ich übersetze meine Prosatexte selten selber. Bei den Gedichten ist es anders. Da ist die Übersetzung Teil des Schreibprozesses. Ich schreibe ein Gedicht oft gleichzeitig in zwei Sprachen, meistens Romanisch und Deutsch, meine ersten Sprachen. Dabei wechsle ich zwischen den beiden Varianten hin und hier, verbessere, probiere aus, feile, bis ich mit beiden zufrieden bin. Die beiden Varianten helfen einander sozusagen auf die Welt. Manchmal gelingt mir das auch mit Französisch und Englisch, meine beiden nächsten Sprachen, in denen ich manchmal ein Gast bin. Ich bin aber keine Übersetzerin und habe grossen Respekt vor dieser Arbeit. So ist es mir sehr wichtig, dass es bei all meinen Übersetzungsexperimenten ein kritisches Übersetzungslektorat gibt. Diesen Herbst kommt Feuerlilie bei Editions La Veilleuse auf Französisch heraus. Der Übersetzer ist Valentin Decoppet. Das freut mich sehr, Französisch ist immer wieder meine Lieblingssprache.
Text/Foto: Christian Imhof / Hitsch Rogantini



