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«Es ist ein wunderschöner Beruf»

  • vor 4 Tagen
  • 2 Min. Lesezeit

«Ein weisses Häubchen wünsch ich mir» heissen die kürzlich als Buch erschienenen Tagebuchaufzeichnungen von Erica Brühlmann-Jecklin. Auf was die Autorin mit Prättigauer Wurzeln beim Digitalisieren alles gestossen ist, welche Dinge sich trotz Pflegenotstand auch positiv verändert haben und vieles mehr, lesen Sie im Interview, dass Christian Imhof mit ihr geführt hat.

 

Wie ist die Idee entstanden, aus den Tagebüchern von früher ein Buch zu machen? 

 Es ist nur das eine Tagebuch, das ich während meiner Lehrzeit (1970 bis 1973) schrieb. Dann erinnerte ich mich letzten Herbst daran, fand es tatsächlich in meinem Büchergestell und begann, es zu digitalisieren. Dabei fiel mir auf, dass es irgendwie auch ein Zeitdokument ist, da sich die Pflege sehr verändert hat. Ich schickte es dem ehemaligen Leiter des Schwabeverlags, mit dem wir befreundet sind, und er riet mir, das Tagebuch als Buch zu veröffentlichen.

Wie lange hast du daran gearbeitet/überarbeitet? 

 Ich habe ausser der Digitalisierung gar nichts daran gearbeitet, nichts geändert, es musste authentisch bleiben und ist somit halt die Sprache der Zwanzigjährigen. 

Was sind die Schlüsse, die du rausgezogen hast? 

Ja, ich staunte irgendwie, wie das alles war. Manches hatte ich vergessen oder verdrängt. Aber über manches freute ich mich auch. Einen Schluss, den ich daraus zog ist folgender: Wir waren noch weit entfernt von Laptops und Handys. Wir protokollierten von Hand. Es war uns gewiss zu viel Verantwortung übergeben, aber wir packten das und konnten daran wachsen. So war es auch möglich, mehr Zeit bei den Kranken zu verbringen. Ein Erlebnis war folgendes (es kommt im Tagebuch nicht vor, aber es unterstreicht, was ich meine): Einer Patientin mit Brustkrebs sagte ich am Morgen nach der Nachtwache, ich würde am Abend mit meinem Freund ans Züri-Fäscht gehen und danach, um 22 Uhr wieder auf die Nachtwache kommen. Sie antwortete: «Oh, da hätte ich so Lust auf eine Bratwurst.» Ich kaufte eine solche und eilte zurück, so dass sie noch warm am Patientenbett ankam. Die Patientin hatte riesig Freude, und ich denke, so etwas wäre heute gar nicht mehr erlaubt. Und dann stellte ich beim Digitalisieren fest, dass das ja doch recht einfach geschriebene Tagebuch eben ein Zeitdokument darstellt, sowohl was die Ausbildung betrifft als auch was die Pflege anbelangt.

Mit wie viel Sorge beobachtest du den aktuellen Pflegenotstand? 

Mit grosser Sorge, zumal die Politik jetzt unsere Vorschläge (ich bin immer noch Mitglied im Berufsverband) nicht angenommen hat und der Bundesrat einen Gegenvorschlag macht, der völlig ungenügend ist. Es reicht nicht, bei akuter Corona zu klatschen. Die Bedingungen müssen für die Pflegenden besser werden (Arbeitszeiten, Entlöhnung), so dass junge Schulabgängerinnen und Schulabgänger diesen wirklich wunderschönen Beruf erlernen wollen. Ein Pflegenotstand wirkt sich immer auch auf die Kranken aus, und ich gehe einmal davon aus, dass alle Leute einmal darauf angewiesen sein werden, auch die Politikerinnen und Politiker. Es wäre schön, wenn sie diesen Gedanken jetzt schon verinnerlichen würden.

Was soll dein Tagebuch vor allem den Lesenden mitgeben? 

Erstens: Es ist ein wunderschöner Beruf. Zweitens: Schaut, wieviel sich geändert hat, auch zum Guten. Keine Schülerin muss heute mehr 28 Nächte hintereinander Nachtwache machen, wird an Sonntagen und Feiertagen dienstpflichtig eingesetzt, einzig deshalb, weil Schülerinnen damals keine Zusatzentschädigung gegeben werden musste. Letztlich freut es mich, wenn Leserinnen und Leser sich kundig machen wollen, wie das damals war.



Text/Foto: Christian Imhof / zVg



 
 
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