«Die grösste Hürde für viele ist sicher das Loslassen»
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Reto Valär aus Pragg und seine Lebenspartnerin Angela Resch haben das Abenteuer gewagt: Sie sind um die Welt gesegelt. In sieben Jahren bereisten sie 33 Länder und legten rund 35 000 Seemeilen auf drei Ozeanen zurück. Nun ist ein Buch über dieses aussergewöhnliche Abenteuer erschienen – reich an Bildern, Videos und persönlichen Anekdoten. Bei der Lektüre wird rasch klar: Eine Weltumsegelung ist alles andere als ein gewöhnlicher Urlaub.
Um die Welt zu segeln, sei der gemeinsame Lebenstraum von Angela und ihm gewesen, sagt Reto Valär. Dieser sei nicht spontan entstanden, sondern habe lange und sorgfältige Planung erfordert. «Der Lebenstraum entstand langsam durch die gemeinsame Leidenschaft mit Angelas Vater, Segelbücher zu lesen. Die ersten Bücher haben uns eher abgeschreckt, aber später lasen wir Bücher, die uns inspiriert haben.» Unter anderem habe das Buch «Pura Vida» von Vreni und Toni Caviezel aus Schiers, die 21 Jahre vor ihnen aufgebrochen seien, etwas in ihnen ausgelöst.
Beiden sei sofort klar gewesen, dass ein solches Vorhaben nur funktionieren könne, wenn es beide wirklich wollten, wenn sie sich hundertprozentig aufeinander verlassen könnten und wenn alles stimme, sagt Angela Resch. «Dass das klappt, haben wir schon früh festgestellt – ganz am Anfang bei einer Skitour am Piz Tambo, als wir von dichtem Nebel überrascht wurden und die Orientierung völlig verloren. Wenn wir damals nicht aufeinander gehört und aufeinander geschaut hätten, wären wir heute nicht mehr hier. So ähnlich war es auch manchmal auf hoher See.»
Jeder muss ein Allrounder sein
Ein solches Abenteuer sei kostspielig und habe viele Jahre sparsamen Lebens vorausgesetzt. Um optimal auf das Unternehmen vorbereitet zu sein – vom Segeln über Nachtwachen bis zum Essen an Bord –, habe laut Reto Valär aber noch etwas anderes stimmen müssen. «Uns war klar: Wir müssen topfit sein, und jeder muss auf seine Art ein Allrounder sein, der auch mit schwierigen Situationen zurechtkommt.»
Denn wenn irgendwo in der Südsee plötzlich etwas Wichtiges breche oder kaputtgehe und weit und breit kein Ersatzteillager vorhanden sei, müsse man wie MacGyver «mit nichts alles reparieren können». «Zum Glück bin ich Elektrotechniker und ein ‹professioneller› Tüftler. Das hat uns oft geholfen. Und Angela fand immer das passende Material zur Improvisation.»
Ein Geheimrezept für Versicherungs- und administrative Fragen, wenn man sieben Jahre ohne festen Wohnsitz lebt, gebe es laut Angela nicht. «Das macht jeder etwas anders. Eine Postadresse in der Schweiz stellt sicher, dass man Steuerrechnungen und andere wichtige Dokumente zuverlässig erhält.»
Am schwierigsten sei für sie vor dem Abenteuer der Abschied von der Familie für so lange Zeit gewesen. Viel Mut habe es gar nicht gebraucht, loszuziehen, wenn man sich seriös auf eine solche Reise vorbereite, sagt Valär. «Die grösste Hürde für viele ist sicher das Loslassen von Sicherheiten wie regelmässigem Einkommen, medizinischer Versorgung und Ähnlichem.»
Auf ein Fondue im Nirgendwo
Unterwegs auf dem Meer habe er vor allem die Berge, Skitouren und den Schweizer Käse vermisst. Angela sei an Bord erfinderisch geworden. «Da ich gelernt habe, Brot zu backen, und an Bord auch Weissbier gebraut sowie Joghurt und Frischkäse hergestellt habe, war die Not nicht so gross.» Aber auch ihr hätten der einzigartige Schweizer Käse und das Fondue hin und wieder gefehlt.
Umso überraschter seien sie gewesen, als sie auf einer kleinen Insel im Nirgendwo in der Nähe des Äquators ein hervorragendes Fondue serviert bekamen, fast besser als das von Reto. Die ganze Geschichte dazu finde sich natürlich im Buch «Das Paradies ist nebenan», das vor Kurzem erschienen sei.
Die Beziehung ging immer vor
In sieben Jahren auf See kommen unzählige eindrückliche Anekdoten zusammen. Viele Erlebnisse sind im Buch festgehalten. Am eindrücklichsten sei für Angela die ansteckende Lebensfreude gewesen, die sie bei den vielen Begegnungen erlebt habe. «Das Eindrücklichste war, wie einfach die Menschen auf manchen entlegenen Inseln leben und welche Zufriedenheit sie gleichzeitig ausstrahlen.»
Doch wo Licht ist, fällt auch Schatten. Die schwierigste Zeit sei für sie das erste Jahr gewesen, weil sie geglaubt hätten, dass das Schiff technisch völlig in Ordnung sei. In der Realität sei dann jedoch ein grosses Problem nach dem anderen aufgetaucht. «Erst im Laufe der Zeit wurden die Probleme weniger häufig. Gleichzeitig wuchs unser Selbstvertrauen, sodass wir wussten, dass wir uns immer irgendwie helfen können.»
Auch die Pandemie habe ihnen 2020 stark zugesetzt, erklärt Valär. «Die schwierigste Zeit war wohl die Pandemie, als wir das Schiff in Malaysia zurücklassen mussten und während 18 Monaten nicht mehr dorthin zurückdurften. Wir wussten lange nicht, ob wir unser Schiff überhaupt wiedersehen würden.» Die Pandemie sei grundsätzlich eine schwierige Zeit für alle Langzeitsegler gewesen. Die Idylle des unabhängigen Reisens sei für viele jäh zerstört worden.
«Wir kennen Seglerfreunde, die über ein Jahr auf einer Insel ausharren mussten, weil sie aus dem einen Land bereits ausgereist waren, ins nächste aber nicht mehr einreisen durften, da während der Überfahrt die Grenzen geschlossen wurden.» In dieser Zeit sei laut Angela auch erstmals der Gedanke aufgekommen, das Schiff zu verkaufen und das Vorhaben abzubrechen. Doch es kam anders. «Erst durch ein Spezialvisum gelang es uns, zum Schiff zurückzureisen, und wir konnten es in vier Wochen für die lange Reise über den Indischen Ozean und das Rote Meer fit machen.»
Beim Weiterfahren habe sicher geholfen, dass sie sich nie ein fixes Ziel gesetzt hätten, einmal um den Globus zu segeln, sagt Reto. «Wir sind einfach in Richtung Westen gesegelt, und so sind wir dann doch einmal rundherum gekommen. Es war aber auch immer klar, dass sich beide wohlfühlen müssen. Die Beziehung ging immer vor.»
Überfälle, Piraten und Stürme
Zu den unvorhersehbaren Auswirkungen von Covid seien weitere Gefahren hinzugekommen, die die beiden Abenteurer beschäftigt hätten. Reto erzählt, dass sie auf den Kapverden bei einem Landausflug überfallen worden seien. «Angie hat blitzschnell ein paar Geldscheine in die Luft geworfen und damit den Angreifer abgelenkt. Wir rannten so schnell wir konnten davon. So sind wir mit viel Glück einer Messerattacke entkommen. In der Karibik haben wir nachts immer die Alarmanlage eingeschaltet.»
Besonders das Rote Meer ist bekannt dafür, dass dort Piraten unterwegs sind. Angela sagt, wie gefährlich es tatsächlich gewesen sei, hätten sie lieber nicht allzu genau wissen wollen. «Wir hielten uns an die behördlichen Anweisungen und blieben innerhalb der vom internationalen Militär überwachten Gebiete. Zweimal täglich mussten wir unsere Position übermitteln und wurden von Flugzeugen angefunkt.» Dennoch würden sie eine Reise dorthin zum jetzigen Zeitpunkt wohl nicht mehr wagen.
Neben den menschengemachten Gefahren sei auch das Wetter auf See stets ein Risiko. Laut Reto konnten sie damit jedoch recht gut umgehen. «Heute sind die Wetterberichte und Vorhersagen so genau, dass man grosse Stürme umgehen kann. Man darf einfach nicht während der Wirbelsturmsaison in gefährdeten Gebieten unterwegs sein. Im Ernstfall muss man flüchten oder das Schiff in den Mangroven verstecken.» Trotzdem seien sie mehrere Male in unvorhersehbare Stürme geraten.
Mit wenig zufrieden sein
Angela Resch und Reto Valär waren sieben Jahre unterwegs. Durch die Rückkehr ins Mittelmeer habe sich für sie der Kreis der Weltumsegelung zwar geschlossen, und doch seien sie auch heute noch in zwei Welten zuhause, sagt Angela. «Wir sind immer noch mit dem Schiff unterwegs – heute einfach abwechselnd mit dem Prättigau. So haben wir einerseits die geliebten Berge und andererseits das Meer.»
Lehren aus dem grossen Abenteuer hätten sie viele gezogen. «Vor allem, dass man mit sehr wenig zufrieden sein kann. Dass man mit Vertrauen in sich selbst und in Gott auch schwierige und unangenehme Situationen meistern kann.» Auch Reto habe einiges aus dem Abenteuer ihres Lebens mitgenommen. «Mehr Verantwortung für sich selbst übernehmen. Unterwegs mussten wir uns in allen Situationen, auch medizinisch, selbst helfen. Die Erkenntnis, dass viele Versicherungen einen nicht sicherer machen. Und die ganze Hektik in der Schweiz etwas gelassener sehen.»
Am Ende ihres Buches findet sich ein ganzes Kapitel mit den Erkenntnissen der Reise. Das Buch «Das Paradies ist nebenan» ist bei Book on Demand erschienen und in Buchhandlungen oder bei Amazon erhältlich. Am 10. Mai findet im Volksmusighus ein Multimediavortrag mit vielen spannenden Geschichten, Videos und Bildern über die Reise der beiden Abenteurer statt. Weitere Informationen finden sich unter volksmusighus.ch. Text/Foto: Christian Imhof/zVg



