«Die Berge haben eine eigene monumentale Dramaturgie»
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Kürzlich erschien beim Somedia Verlag der Kriminalroman «Kaltgestellt und abserviert». Das Buch mit dem Untertitel «Battaglias und Giovanolis erster Fall im Oberengadin» stammt jedoch nicht von lokalen Autorinnen oder Autoren wie Tim Krohn oder Andrea Gutgsell, sondern vom Basler Schriftsteller Herbert Rehbein. Wie die Idee zu diesem Roman entstanden ist, was ihn am Oberengadin besonders fasziniert und weitere Hintergründe zum Buch, erfahren Sie im folgenden Interview.
«Kaltgestellt und abserviert» heisst der erste Krimi von Ihnen. Wie lange tragen Sie schon den Wunsch in sich, einen zu schreiben?
Der Wunsch war lange Zeit auf Eis gelegt. Meine ersten Schreibversuche sind schlicht daran gescheitert, dass mir die Lebenserfahrung gefehlt hat. Ich bin kein Autor, der früh einen Plan fasst und ihn dann diszipliniert verfolgt. Ich funktioniere eher spontan.
Die eigentliche Lust am Schreiben hat sich erst eingestellt, als ich einfach begonnen habe, draufloszuschreiben – ohne Konzept, ohne Anspruch.
Mit der Zeit kam dann etwas dazu, das heute fast selbstverständlich ist: die technischen Möglichkeiten der Recherche. Plötzlich konnte ich Zusammenhänge prüfen, Details vertiefen und Welten präziser bauen. Das hat den Prozess enorm begünstigt.
Das Genre Krimi hat mich schon immer fasziniert – allerdings nur unter einer Bedingung: Gewalt darf kein Selbstzweck sein. Sobald ein Text ins Voyeuristische kippt oder nur noch darauf abzielt, immer drastischere Effekte zu erzeugen, stösst mich das ab. Dann greife ich lieber zum guten alten Dürrenmatt.
Was hat Sie zur Geschichte inspiriert?
Inspiration ist vielleicht gar nicht das richtige Wort. Es ist eher diese grundsätzliche Lust, Geschichten zu erfinden. Und natürlich das Oberengadin.
Diese unglaubliche Schönheit, dieser perfekte Schein – und gleichzeitig das Wissen, dass sich dahinter sehr viel Geld und Macht verbergen. Genau dieser Kontrast hat mich interessiert. Die Oberfläche ist makellos, fast schon inszeniert. Aber darunter entstehen Spannungen, Abhängigkeiten und Konflikte.
Aus genau solchen Reibungen entwickelt sich dann eine Geschichte fast von selbst.
Wie lange hat der ganze Prozess gedauert?
Von der ersten Idee, diesem wilden Drauflosschreiben, bis zum fertigen Buch vergingen etwa zwei Jahre. Wobei diese Rohversion die Grundlage bildet.
Dann beginnt die nächste Phase: der Blick von aussen. Zuerst liest meine Frau den Text, später auch Freunde. Sie haben den nötigen Abstand und sehen Ungereimtheiten, Wiederholungen und kleine Fehler, die einem selbst entgangen sind.
Ich überarbeite den Text danach noch ein- oder zweimal, bevor er schliesslich extern korrigiert und lektoriert wird.
Und trotzdem bleibt am Ende ein ambivalentes Gefühl. Irgendwann muss man einen Abschluss finden – obwohl mich der Gedanke reizt, dass ein Text eigentlich nie ganz fertig ist, sondern wie eine mündliche Überlieferung im Fluss bleibt.
Um was dreht sich Ihre Geschichte in Kurzfassung?
Es geht um einen vermeintlichen Unfall im Oberengadin, der sich als Teil eines grösseren Geflechts aus Macht, Geld und kriminellen Verbindungen entpuppt.
Kommissar Gian Battaglia aus Chur und die ortsansässige Martha Giovanoli geraten dabei in ein Milieu, in dem Einfluss wichtiger ist als Wahrheit – und in dem nicht jeder möchte, dass genau hingeschaut wird.
Provinzielle und internationale Grössen gesellen sich zu diesem hochalpinen «Monopoly». Trotz der spannungserzeugenden Überhöhung soll die Geschichte stets nahe an der Realität vorbeischrammen.
Wie kommen Sie als Basler auf das Oberengadin?
Durch viele Aufenthalte – und ausgerechnet durch besonders verregnete Ferien in Sils Maria im Jahr 2024.
Das Wetter hat uns immer wieder gezwungen, in der Ferienwohnung zu bleiben. Diesen aufgezwungenen Müßiggang wollte ich mir am iPad verkürzen. Und ehe ich mich versah, hatte ich begonnen zu schreiben – ohne klares Ziel, ohne Plan. Aber es fühlte sich sofort richtig an.
Eignen sich die Bündner Berge einfach besser als Standort als Basel?
Die Berge haben ohne Zweifel eine eigene monumentale Dramaturgie. Aber das ist nicht der eigentliche Grund. Der ist viel einfacher: Zufall.
Über Zufall lässt sich natürlich endlos philosophieren. In meinem Fall hat er dazu geführt, dass mich dort eine Muse geküsst hat. Ich glaube, es war Kalliope. Sie gilt in der griechischen Mythologie als Muse der epischen Dichtung und der Beredsamkeit – also gewissermassen zuständig für das grosse Erzählen.
In aller Bescheidenheit muss ich zugeben, dass ich das googeln musste. Dankbar bin ich ihr trotzdem.
Lesen Sie auch selbst Kriminalromane? Wenn ja, welche?
Ja, durchaus. Wobei es nicht nur beim Lesen bleibt – mich interessiert auch die filmische Umsetzung. Wie eine Geschichte visuell erzählt wird und welche Atmosphäre entsteht.
Spontan fällt mir Wolf Haas ein. In seinen Geschichten tun sich menschliche Abgründe auf, die durch diesen typischen österreichischen Schmäh beiläufig abgefedert werden. Das hat eine ganz eigene Qualität.
True Crime ist dagegen weniger mein Ding. Da habe ich oft das Gefühl, dass sich zu sehr am Leid anderer ergötzt wird. Mich interessiert mehr die erzählte, gestaltete Geschichte – nicht das möglichst schonungslose Ausstellen realer Tragödien.
Was macht für Sie einen richtig guten Krimi aus?
Ich würde sagen: Zum Glück kann ich diese Frage nicht beantworten. Denn auch dieses Genre ist – wie jedes andere – darauf angewiesen, sich ständig neu zu erfinden.
Es wird immer wieder Menschen geben, die aus ihrer jeweiligen Zeit heraus den Krimi anders denken, anders erzählen und neu interpretieren. Was heute funktioniert, kann morgen schon überholt sein.
Der neudeutsch sogenannte «Thrill» wird vermutlich noch eine ganze Weile fester Bestandteil bleiben. Aber darüber hinaus möchte ich nichts festlegen. Gerade diese Offenheit macht das Genre lebendig.
Sind weitere Bücher geplant?
Ja. Die Geschichte von Battaglia und Giovanoli ist noch lange nicht zu Ende erzählt. Auch die persönliche Entwicklung der Protagonisten ist mir wichtig.
So viel sei verraten: Im nächsten Fall wird auch meine Heimatstadt Basel eine Rolle spielen. Text/Foto: Christian Imhof /zVg
