«Das Leben ist ein fluider Zustand»
- vor 2 Tagen
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Im neuen Roman von Rebekka John aus Schiers dreht sich alles um die titelgebende Hauptfigur «Frau Schmidt». Die 82-Jährige lebt zurückgezogen in einem Pflegeheim und versinkt in Monotonie. Vieles verändert sich, als im Nachbarhaus eine junge Frau einzieht und die Titelheldin ihr Leben nochmals in die Hand nimmt.
Wie bist du auf die Idee gekommen, ein Buch über eine Rentnerin zu schreiben?
Hallo Christian, die Idee kam ganz spontan. Ich gehe oft an den grossen Scheiben unseres Pflegeheims hier in Schiers vorbei und sehe dahinter die Menschen. Welche Geschichte steckt in den trockenen Händen, die schwach herüberwinken, welche in den warmen Filzpantoffeln und welche in dem zaghaften Lächeln der Personen hinter der Scheibe? Das habe ich mich oft gefragt und in meinem Roman nach einer dieser Geschichten gesucht.
Das Altersheim wirkt recht trostlos. Wie viel Recherche steckt da drin?
Ich habe viele Berichte über Pflegestationen gesehen. Auch habe ich im Bekanntenkreis Pflegende. Ich denke, dass die Mehrzahl der Pflegeeinrichtungen keineswegs trostlos ist. Es sind die Menschen dort, die sich wahrscheinlich oft so fühlen. Alleingelassen, abgestellt, aus dem Leben gedrängt. Es muss schwer sein, sein Haus, seine Wohnung, sein gewohntes Umfeld und somit sein gewohntes Leben hinter sich zu lassen. Es ist der letzte Schritt, und das fühlt sich sicher nicht nur für die Pflegebedürftigen trostlos an.
Wie hat sich dein Blick auf das Altern beim Schreiben verändert?
Ich habe mich beim Schreiben viel mit meinem eigenen Leben und mit meiner Familiengeschichte auseinandergesetzt. Auch ich bin gerade in einer Phase der Veränderung. Aber sind wir das nicht eigentlich immer? Ich möchte mein Leben geniessen, jetzt und so lange ich das kann. Ohne Reue und ohne einen allzu kritischen Blick aufs Alter und aufs Älterwerden.
Wie viel ist eigene Erfahrung, wie viel Fantasie?
Natürlich habe ich nicht selbst schon in einem Pflegeheim gelebt. Ich war ja noch nicht einmal länger in einem Krankenhaus. Aber ich habe versucht, die Perspektive von Frau Schmidt einzunehmen. Habe mich an ihre Stelle geträumt und ihrem Dasein nachgespürt. Wie würde es mir gehen? Und das habe ich aufgeschrieben.
Frau Schmidt trägt ein Geheimnis, das sie «nie bereut». Inwiefern kann ein solches Geheimnis zugleich Last und Quelle von Stärke sein?
Ein Geheimnis zu haben, ist etwas sehr Wertvolles. Wir kennen das aus unserer Kindheit. Es ist spannend und verlangt viel Disziplin, es nicht aus Versehen doch zu verraten. Es kommt darauf an, was es für ein Geheimnis ist. Wenn man nicht darüber reden kann, kann es zur Last werden. Aber das Wissen um dieses Geheimnis stärkt uns in unserem Selbst.
Die Beobachtung der jungen Frau im Nachbarhaus löst bei Frau Schmidt einen Wandel aus. Was genau bringt dieses neue Interesse in ihr Leben zurück?
Durch die Beobachtungen der Frau nebenan konzentriert sich plötzlich die gesamte Aufmerksamkeit von Frau Schmidt auf eine andere Person. Sie ist nach aussen gerichtet, weg von sich selbst, weg von ihrem eintönigen Dasein. Dass die Frau zunächst etwas Mysteriöses, etwas Rätselhaftes hat, weckt in Frau Schmidt das Verlangen, mehr herauszufinden. Es ist eine Aufgabe, die sich in das triste Leben der Heimbewohnerin schleicht. Eine Aufgabe, auf die sie vielleicht gewartet hat. Es ist der Impuls, den Frau Schmidt gebraucht hat, um sich nun durch den Blick nach aussen um das eigene Leben zu kümmern.
Der Roman stellt die Frage: «Was bleibt von mir, wenn ich aufgehört habe, für andere da zu sein?» Welche Antworten deutet die Geschichte an?
Ich wollte zeigen, dass viele Frauen in ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter ihr Selbst fast völlig aufgeben müssen. Ich kenne das aus eigener Erfahrung, dass die eigenen Wünsche und Bedürfnisse hinten angestellt werden. Man verändert sich, passt sich den Bedürfnissen der anderen Familienmitglieder an. Oft sind es die Frauen, die die Fürsorge übernehmen. Einkauf und Erziehung, Planung und Gestaltung des Alltags, da bleibt wenig Spielraum für eigene Interessen. Ein Beispiel: Ich bin seit 13 Jahren als Hausfrau und Mutter zu Hause. Ganz sicher würde ich nicht freiwillig jeden Morgen um 6 Uhr aufstehen, wenn ich mich nicht für meine Kinder verantwortlich fühlen würde. Ohne Kinder würde ich bis 8 Uhr liegen bleiben, dann eine Stunde entspannt Yoga machen, auf der Terrasse gemütlich frühstücken, und im Urlaub würde ich sicher auch ganz andere Ziele haben. Aber so ist das eben. Was bleibt von einem selbst, wenn man für andere verantwortlich ist?
Frau Schmidt findet erst spät heraus, wer sie wirklich ist. Was sagt diese Entwicklung darüber aus, ob es einen «richtigen» Zeitpunkt für Selbsterkenntnis gibt?
Ich denke, dass das Leben ein fluider Zustand ist, immer in Bewegung. Es gibt keinen richtigen Zeitpunkt. Heute würde ich zu einer ganz anderen Person finden als vor zwanzig Jahren oder als in dreissig Jahren. Wichtig ist doch, dass man überhaupt nach sich selbst sucht und zu sich findet.
Wird das Werk demnächst in der Gegend vorgestellt?
Ja. Ich habe das Vergnügen, im Juni in Schiers eine informelle Vernissage für den Frauenverein zu machen, wenn man das so sagen darf. Es wird die erste Lesung aus «Frau Schmidt» sein. Ich freue mich schon sehr auf den Abend und die Gespräche danach.
Mehr zum Buch «Frau Schmidt» finden Sie hier. Text/Foto: Christian Imhof/Hitsch Rogantini



