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Caluori und die Stimmen, die oft unsichtbar bleiben

  • vor 1 Tag
  • 2 Min. Lesezeit

Vor wenigen Tagen erschien «Schatten der Pinus», der neue Roman der Autorin Martina Caluori. Um was es in dem Werk der Churerin geht, wie der ganze Schreibprozess über die Bühne gegangen ist und vieles mehr lest ihr hier.


In wenigen Tagen erscheint der Debütroman «Schatten der Pinus» von Martina Caluori. Der Roman erzähle von einer zufälligen Gemeinschaft auf einem fast verlassenen Campingplatz am Meer, sagt die Schriftstellerin. «Von Menschen, die nebeneinander existieren, ohne sich gesucht zu haben. Jede Figur bringt ihre eigene Geschichte von Verlust, Flucht, Herkunft und Erinnerung mit.» Es lohne sich genauer zwischen die Zeilen zu blicken. «Die alte Dame trägt das stille Gedächtnis vergangener Generationen; Phine ringt mit dem Tod von Mutter und dem unbekannten Zustand von Schwester; Bo kämpft mit dem Erbe eines repressiven Glaubens. Jochen wiederum wurde von seiner Frau und den Kindern verlassen, S. und Vira erhalten eine Stimme für die Brüche durch Kriege und Konflikte.»


Pinus und der Zeitgeist

Die Geschichte in ihrem Kopf ausgelöst habe, wie es der Titel schon verrät, die Bäume Pinus. Diese üben symbolisch eine grosse Faszination auf die 40-Jährige aus. «Diese Bäume stehen für lange Zeiträume, für Anpassung und Widerstand. Motive, die auch den Roman prägen.» Doch auch der Zeitgeist sei spürbar. «Gleichzeitig entstand das Buch aus unserer gegenwärtigen, brüchigen Wirklichkeit heraus.» Insgesamt habe sie fast sechs Jahre an dem Roman gearbeitet: von der Recherche über Feldarbeit und Interviews bis zum eigentlichen Schreiben. Wie immer im Werk der Lyrikerin, sei auch hier die Textarbeit stark von Überarbeitungen und Verdichtung geprägt gewesen.

Wenn der Text sich selbst entwickelt

«Schatten der Pinus» ist das erste Prosawerk von Martin Caluori. Doch komplett anders als die Arbeit an ihren Gedichten, sei es nicht gewesen, eine Erzählung zu Papier zu bringen. «Die Arbeit mit Verdichtung, Rhythmus und Klang prägt mein Schreiben weiterhin. Auch im Roman denke ich stark in Bildern und Sprachbewegungen, weniger als lineare Abfolge von Ereignissen, sondern als Gefüge von Räumen, die Figuren betreten, verlassen und erinnern.» Rückblickend könne sie sagen, dass der Schreibprozess sehr intensiv gewesen sei. «'Schatten der Pinus' verlangte ein ständiges Zurückkehren, Schichten und Neuverweben.» Und dann habe der Text plötzlich eine eigene Dynamik entwickelt. «Rhythmisch, fragmentarisch und in wechselnden Tempi, in denen Sätze ineinandergreifen, sich überlagern.»


Für ganz Europa gesprochen

Für das Ausarbeiten des Romans hat Martina Caluori einen grossen Werkbeitrag vom Kanton Graubünden erhalten. Da drängt sich natürlich die Frage auf, welche Rolle die Heimat der Kreativen im Debüt einnimmt. «Graubünden bildet einen Hintergrund des Romans – als polyglotter Erinnerungsraum, in dem auch die drei Kantonssprachen auftauchen.» Das macht durchaus Sinn, denn die Geschichte Graubündens ist laut Caluori stark von den Lebensrealitäten seiner Menschen geprägt. «Von Bergbauern, Handwerkern und einfachen Männern und Frauen, deren Stimmen in grossen historischen Erzählungen oft unsichtbar bleiben.» Eine der Protagonistinnen, die alte Dame, gehöre zu diesen leisen Stimmen. «Ihre Geschichte führt durch das Leben in den Bündner Bergen nach Europa und berührt zentrale Fragen von Identität, Migration, Flucht und Verlust.» «Schatten der Pinus» ist ein Roman, der aus dem Kanton Graubünden für ganz Europa spricht: leise, genau, unerbittlich. In der Auseinandersetzung mit Themen wie Heimatlosigkeit, Mutterfiguren, Vatererbe, Migration und der Mehrsprachigkeit in Erinnerung und Sprache spiegelt 'Schatten der Pinus' die globalen Umbrüche unserer Zeit. Wir dürfen gespannt sein.


Text/Foto: Christian Imhof / Michel Gilgen



 
 
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